Apfelstrudel zu Allerheiligen

Theo ist 8 Jahre. Seine Oma starb vor 7 Jahren. Theos Mama schwärmte von Omas Apfelstrudel. Für Allerheiligen malt Theo mit Mama eine Grabkerze für seine Oma. Es gibt Apfelstrudel, Kakao und sie erzählen von der Oma, die Theo nicht in echt kennt und trotzdem ganz fest lieb hat und manchmal auch ein bisschen traurig ist, weil er ihren Apfelstrudel nie kosten kann.
Am 1.11. geht die ganze Familie zum Grab und Theo hört noch viel mehr Geschichten von seiner Oma. Er lernt sie kennen und darf Teil der Familie sein. Glücklicher Theo.

Kinder vor dem Schweren schützen?

Wir wollen die Kinder schützen, vor dem Schweren, dem Traurigen. Sie sollen nicht leiden. Warum berührt es dann so, dass Theo mit seiner Mama die Grabkerze malen darf, dass er auch traurig ist, dass er nie vom Apfelstrudel der Oma kosten darf? Es berührt, weil es zum Leben gehört. Wir müssen Kinder davor schützen, dass sie unnötige Gefahren eingehen. Vor Gefühlen dürfen wir sie nicht schützen. Denn die kennen sie von der ersten Sekunde ihres Lebens. Gefühle sind im Menschen grundgelegt.

„Du musst nicht traurig sein“

Wie oft haben Sie einem Kind, das traurig war, schon gesagt: „Du musst nicht traurig sein, das ist doch nicht so schlimm, das wird schon wieder,…“? Und wie oft haben sie einem Kind, das lacht und sich freut schon gesagt: „Du musst dich nicht freuen, das ist doch nicht so lustig, das ändert sich schon wieder,…“?

Beides gehört zum Leben – auch zum Leben von Kindern. Denn nur wer als Kind lernen durfte, dass es normal ist traurig zu sein, wenn etwas kaputt ist, wenn etwas verloren ist, wenn etwas … traurig ist, kann als Erwachsener leichter mit den Gefühlen umgehen.

Die Traurigkeit bei Apfelstrudel miteinander aushalten

Warum meinen wir, dass Kinder die Traurigkeit, die Wut, das Weinen und Zorn nicht aushalten können? Kann es sein, dass wir es selber nicht aushalten, unsere Kinder traurig oder wütend zu sehen?

Ich wünsche mir, dass immer mehr Menschen den Mut haben, einem weinenden Kind zu sagen: „Ja, das ist traurig. Komm ich halte dich mal fest, wenn du das magst.“ „Wir essen jetzt einen Apfelstrudel, wie die Oma ihn immer gemacht hat. Und dann erzählen wir.“ Vielleicht können wir dann auch Erwachsenen Menschen so begegnen und dann darf die Traurigkeit, die Wut und schlussendlich auch die Hoffnung wieder einen Platz im Leben der Menschen haben.

Ein Märchen von Inge Wuth, das mir hierzu einfällt und mich immer wieder berührt, möchte ich Ihnen in den November mitgeben:

Das Märchen von der traurigen Traurigkeit

Es war eine kleine alte Frau, die bei der zusammengekauerten Gestalt am Straßenrand stehen blieb. Das heißt, die Gestalt war eher körperlos, erinnerte an eine graue Flanelldecke mit menschlichen Konturen.

„Wer bist du?“ fragte die kleine Frau neugierig und bückte sich ein wenig hinunter. Zwei lichtlose Augen blickten müde auf. „Ich … ich bin die Traurigkeit“, flüsterte eine Stimme so leise, dass die kleine Frau Mühe hatte, sie zu verstehen.

„Ach, die Traurigkeit“, rief sie erfreut aus, fast als würde sie eine alte Bekannte begrüßen.

„Kennst du mich denn“, fragte die Traurigkeit misstrauisch.
„Natürlich kenne ich dich“, antwortete die alte Frau, „immer wieder einmal hast du mich ein Stück des Weges begleitet.“
„Ja, aber …“ argwöhnte die Traurigkeit, „warum flüchtest du nicht vor mir, hast du denn keine Angst?“
„Oh, warum sollte ich vor dir davonlaufen, meine Liebe? Du weißt doch selber nur zu gut, dass du jeden Flüchtigen einholst und dich so nicht vertreiben lässt. Aber, was ich dich fragen will, du siehst – verzeih diese absurde Feststellung – du siehst so traurig aus?“
„Ich … ich bin traurig“, antwortete die graue Gestalt mit brüchiger Stimme.
Die kleine alte Frau setzte sich jetzt auch an den Straßenrand. „So, traurig bist du“, wiederholte sie und nickte verständnisvoll mit dem Kopf. „Magst du mir erzählen, warum du so bekümmert bist?“
Die Traurigkeit seufzte tief auf.

Sollte ihr diesmal wirklich jemand zuhören wollen?  Wie oft hatte sie vergebens versucht und …

„Ach, weißt du“, begann sie zögernd und tief verwundert, „es ist so, dass mich offensichtlich niemand mag. Es ist meine Bestimmung, unter die Menschen zu gehen und eine Zeitlang bei ihnen zu verweilen. Bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger. Aber fast alle reagieren so, als wäre ich die Pest. Sie haben so viele Mechanismen für sich entwickelt, meine Anwesenheit zu leugnen.“
„Da hast du sicher Recht“, warf die alte Frau ein. „Aber erzähle mir ein wenig davon.“
Die Traurigkeit fuhr fort: „Sie haben Sätze erfunden, an deren Schutzschild ich abprallen soll.
Sie sagen „Papperlapapp – das Leben ist heiter“, und ihr falsches Lachen macht ihnen Magengeschwüre und Atemnot.
Sie sagen „Gelobt sei, was hart macht“, und dann haben sie Herzschmerzen.
Sie sagen „Man muss sich nur zusammenreißen“ und spüren das Reißen in den Schultern und im Rücken.
Sie sagen „Weinen ist nur für Schwächlinge“, und die aufgestauten Tränen sprengen fast ihre Köpfe.
Oder aber sie betäuben sich mit Alkohol und Drogen, damit sie mich nicht spüren müssen.“
„Oh ja“, bestätigte die alte Frau, „solche Menschen sind mir oft in meinem Leben begegnet.
Aber eigentlich willst du ihnen ja mit deiner Anwesenheit helfen, nicht wahr?“ Die Traurigkeit kroch noch ein wenig mehr in sich zusammen.

„Ja, das will ich“,

sagte sie schlicht, „aber helfen kann ich nur, wenn die Menschen mich zulassen. Weißt du, indem ich versuche, ihnen ein Stück Raum zu schaffen zwischen sich und der Welt, eine Spanne Zeit, um sich selbst zu begegnen, will ich ihnen ein Nest bauen, in das sie sich fallen lassen können, um ihre Wunden zu pflegen.
Wer traurig ist, ist ganz dünnhäutig und damit nahe bei sich.
Diese Begegnung kann sehr schmerzvoll sein, weil manches Leid durch die Erinnerung wieder aufbricht wie eine schlecht verheilte Wunde. Aber nur, wer den Schmerz zulässt, wer erlebtes Leid betrauern kann, wer das Kind in sich aufspürt und all die verschluckten Tränen leerweinen lässt, wer sich Mitleid für die inneren Verletzungen zugesteht, der, verstehst du, nur der hat die Chance, dass seine Wunden wirklich heilen.
Stattdessen schminken sie sich ein grelles Lachen über die groben Narben. Oder verhärten sich mit einem Panzer aus Bitterkeit.“
Jetzt schwieg die Traurigkeit, und ihr Weinen war tief und verzweifelt.
Die kleine alte Frau nahm die zusammengekauerte Gestalt tröstend in den Arm. „Wie weich und sanft sie sich anfühlt“, dachte sie und streichelte zärtlich das zitternde Bündel.
„Weine nur, Traurigkeit“, flüsterte sie liebevoll, „ruh dich aus, damit du wieder Kraft sammeln kannst. Ich weiß, dass dich viele Menschen ablehnen und verleugnen. Aber ich weiß auch, dass schon einige bereit sind für dich. Und glaube mir, es werden immer mehr, die begreifen, dass du ihnen Befreiung ermöglichst aus ihren inneren Gefängnissen. Von nun an werde ich dich begleiten, damit die Mutlosigkeit keine Macht gewinnt.“
Die Traurigkeit hatte aufgehört zu weinen. Sie richtete sich auf und betrachtete verwundert ihre Gefährtin.
„Aber jetzt sage mir, wer bist du eigentlich?“

„Ich“, antwortete die kleine alte Frau und lächelte still. „Ich bin die Hoffnung!“

Und so dürfen wir hoffen, dass für unsere Kinder und auch für uns, immer die Hoffnung mit der Traurigkeit einhergeht.

 

Für Aspetos:
Astrid Bechter-Boss