Abschiednehmen am offenen Sarg – eine Chance für die Hinterbliebenen

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Welche Voraussetzungen benötigt eine würdevolle Abschiednahme?Im Einzelfall gut belegt, von verschiedenen Fachleuten immer wieder gefordert, in der Forschung stiefkindlich behandelt und vom Gesetz eingeschränkt: Das ist der Status quo der würdevollen Abschiednahme, also der Begegnung von Angehörigen mit verstorbenen Menschen. Das Ziel meiner Arbeit ist ein breiteres Verständnis des Problems und die Anleitung zur Umsetzung von konkreten Schritten im Alltag des Bestattungsunternehmens. Ich beschreibe die psychischen Prozesse während der Abschiednahme und ihre Bezogenheit auf den Beginn des Trauerprozesses. Weitere Fragen, die thematisiert werden: Welche Voraussetzungen benötigt eine würdevolle Abschiednahme? Wie soll sie durchgeführt werden? Wie gehe ich mit Entstellungen um? Wann empfehle ich eine professionelle Restauration? Wie kann ich eine Verstorbenenversorgung vor Ort durchführen? Sollen Kinder teilnehmen? Welche Gefühle tragen mich in dieser Situation?
Was passiert, wenn Angehörige an den offenen Sarg treten?

Trauerprozess im Schnelldurchlauf
Bei der Konzeption des Positionenmodells der psychischen Prozesse während der Abschiednahme fiel mir sofort die Ähnlichkeit mit vielen, von anderen Forschern postulierten, Traueraufgaben, bzw. Trauerphasen auf. Meine Hypothese ist die, dass während einer gelungenen Abschiednahme die Betroffenen eine Kurzform des gesamten Trauerprozesses durchlaufen und somit eine vorweggenommen Erledigung der Traueraufgaben erfolgt. Im Erkennen des „Lichts am Ende des Tunnels“, also einem möglichen relativen Abschluß des Trauerprozesses, wächst Hoffnung für die kommende Zeit.

Wegfall von Belastungen
Durch die erste Beziehungsklärung, verbunden mit dem emotionalen Ausdruck und durch die erlangte Gewißheit über den tatsächlichen Tod des Angehörigen fallen enervierende Belastungen durch Schuldgefühle, Phantasien und Unsicherheiten weg. Dadurch kann neue Energie gesammelt und auf die ersten Schritte im Trauerprozess fokussiert werden.

Abspaltung als Problem
In der Psychotraumatologie, also der Lehre von den psychischen Verletzungen durch besondere Belastungen, werden neben den Belastungen auch immer die Reaktionen in der Akutsituation diskutiert. Eine sehr gut erforschte Reaktion ist die Abspaltung, im Fachausdruck Dissoziation genannt. Durch die Überbeanspruchung des kognitiven und emotionalen Systems kommt es zu Abspaltungsreaktionen, die den abgespaltenen Teil isoliert lässt. Dies ist bei plötzlichen Todesfällen natürlich auch die Tatsache des Todes selber. Das Kennzeichen ist ein Gefühl der emotionalen Taubheit und der Unfähigkeit zur Trauerreaktion. Diese Unfähigkeit belastet die Menschen zusätzlich, weil sie denken, nicht „richtig“ zu trauern. Diese Dissoziation kann in der Abschiednahme gelöst werden.

Die Positionen der Abschiednahme
Unten ist das von mir entwickelte Modell der Abschiednahme abgebildet, welches die Prozesse während der Abschiednahme auf einer kognitiven (gedanklichen), einer emotionalen (Gefühlsausdruck) und auf einer Ebene des Verhaltens zu fassen versucht:
Erklärung: Mit den Nummern 1 – 5 sind die vorläufig formulierten Positionen benannt, die wechselweise eingenommen werden können. In der Spalte der Kognition ist jeweils ein tragender Gedanke ausformuliert mit dem dazugehörenden Gefühl in der Spalte der Emotionen daneben. In der Spalte „mourning“, welches auf Englisch die Handlungsweisen der Trauerbewältigung meint, sind die wichtigen Faktoren der Handlung eingetragen. So kann beispielsweise beim Berühren des Verstorbenen unterschieden werden, ob diese Berührung eine zärtliche Berührung ist, die dem Ausdruck der Beziehung zum Verstorbenen entspringt oder ob die Berührung der Versicherung dient, dass der Verstorbene wirklich tot ist. In diesem Fall registriert die Berührung die Veränderung der Temperatur und des Gewebes, bzw. inspiziert Narben, Wunden und Verletzungen. Die erste Position der Anerkennung, die der Angehörige bei der Begegnung mit dem Verstorbenen einnimmt, ist die zentrale Erkenntnis, dass „es wahr ist“, dass die Todesnachricht, die den Betroffenen erreicht hat, „wirklich der Realität entspricht“.

Die zweite Position betrifft den Bereich der Beziehungsklärung, in der die nötigen Schritte durch eine intensive Auseinandersetzung mit der Beziehung zum Verstorbenen eingeleitet werden, damit die Beziehung in den Status einer Erinnerungsbeziehung übergehen kann. Die wichtigste Facette der Beziehungsklärung ist das gesprochene und geschriebene Wort, welches an den Verstorbenen gerichtet wird. Die Angehörigen drücken dem Verstorbenen gegenüber Dankbarkeit aus, entschuldigen sich für Streitigkeiten, verzeihen Verletzungen, die vom Verstorbenen ausgegangen sind und betonen oft, dass dies alles nun nicht mehr wichtig sei. Auch die Handlungen, die während der Abschiednahme beim Verstorbenen durchgeführt werden, können unter einem beziehungsklärenden Aspekt verstanden werden.

Oftmals sehr deutlich kann die dritte Position der Überprüfung in der Praxis beobachtet werden und auch in den Interviews kommt diese Position klar zum Ausdruck. Als ob sich nach der anfänglichen Anerkennung des Todes und der ersten Beziehungsklärung wieder die Frage nach der Endgültigkeit des Todes erheben würde, überprüft der Angehörige nun, an welchen Zeichen er den Tod festmachen kann.

1. Bewußtwerdung „Es stimmt also wirklich!“ Überwältigung, Trauer Weinen, „Hände vor´s Gesicht schlagen“ Erstarrung,

2. Beziehungsklärung „Was ich dir noch sagen
wollte…“ Liebe, Wut, Zorn, Ambivalenz, Relative Gefaßtheit, Konzentration, verbalisierte Erinnerung;

3. Überprüfung „Ist er wirklich tot?“  Körperliche Kontaktaufnahme zur Wahrnehmung von Kälte, Steifheit, Gewebeveränderungen,
Wunden und Verletzungen, u.U. aufforderndes Ansprechen;

4. Sammlung Akzeptanz und Einverständnis, Hoffnung, oft körperliche Kontaktaufnahme auf einer zärtlichen Basis (Streicheln, etc.)

5. Abschied „Du musst da bleiben, wir leben weiter“ „helle“ Trauer bewußtes Abwenden und Verlassen des Raumes

Die vierte Position habe ich als Sammlung bezeichnet. Dabei wird nach dem Abschluss der Beziehungsklärung ein Stück weit der Tod des geliebten Menschen nicht nur anerkannt, sondern auch akzeptiert und angenommen. Die fünfte und letzte Position ist der Abschied, wo ganz klar wird, dass mit dem Tod dieses Angehörigen ein neuer Lebensabschnitt beginnt und der geliebte Mensch in diesem keine aktive Rolle mehr spielen wird.
Bei dieser letzten Position ist klar, dass sie sehr eng mit der Position der Sammlung zusammenhängt und meinen Beobachtung und Ergebnissen zufolge beim plötzlichen und / oder gewaltsamen Tod faktisch nicht eingenommen werden kann. Zu tief, zu verstörend und mit zu breiten, nicht überschaubaren Auswirkungen ist dieser Abschied verbunden. Am besten konnte diese Position von Erwachsenen artikuliert werden, die einen alten Elternteil nach längerer Krankheit zu Grabe tragen mussten.

Zustand des Leichnams
Darunter verstehe ich den Ausdruck und den Zustand des Leichnams, der in der Situation der Abschiednahme von den Angehörigen wahrgenommen wird und bestimmte Auswirkungen auf diese hat. Es scheint so zu sein, dass der Verstorbene in den Augen der Angehörigen ein Stück weit noch lebt, obwohl die erste Anerkennung des Todes auf der kognitiven Ebene bereits erfolgt ist. Daraus folgt, dass sowohl der Umgang mit dem Leichnam, als auch dessen Ausdruck von wesentlicher Bedeutung ist. Ich würde postulieren, dass diese „Lebendigkeit“ des Leichnams eine unabdingbare Voraussetzung für eine gelungene Abschiednahme ist, da gerade die Beziehungsklärung und die Kontaktaufnahme nur dann funktionieren kann, wenn die Betroffenen dem Leichnam ein Stück weit noch Leben im Sinne von Empfindungs- und Aufnahmefähigkeit, zusprechen.

In den Interviews durchgehend von großer Wichtigkeit war der sorgsame Umgang mit dem Leichnam, der von Achtung und Respekt geprägt sein musste. Darunter ist meines Erachtens nicht zu verstehen, dass der Leichnam so wenig wie möglich angefasst werden sollte, dass im Beisein der Angehörigen nur leise gesprochen werden darf oder der Leichnam nicht transportiert werden sollte. Das ist wohl eher ein Ausdruck der Unsicherheit in der Situation und dem Bestreben, so pietätvoll wie möglich zu wirken. Ich glaube, dass der korrekte Umgang mit dem Leichnam darin liegt, dass ich als Profi die Sichtweise der Angehörigen vom lebendigen Leichnam übernehme und dann dementsprechend natürlich agiere.
Sehr oft musste ich den Betroffenen genau den Raum schildern, wohin ich den Verstorbenen verbracht habe, welche Verletzungen er erlitten hat und in mehreren Fällen reagierten die Angehörigen offensichtlich positiv, dass sie die Gelegenheit haben, mit demjenigen persönlich zu sprechen, der den Leichnam ihres
Angehörigen versorgt hat.

Auch der Ausdruck, also die Mimik, die Lage des Körpers und der Hände, ist für die Angehörigen oft von zentraler Bedeutung. Sie alle kennen wohl das Erlebnis in der Praxis, dass ein vermeintliches „Lächeln“ des Verstorbenen eine ungeheuer beruhigende und erleichternde Wirkung auf die Angehörigen hat. Ich würde ausdrücken, dass die betroffenen Menschen zum Teil den Gesichtsausdruck des Leichnams mit dem Moment des Sterbens und mit der augenblicklichen Befindlichkeit der Person assoziieren.

Zusammenfassung:
Man kann sagen, dass eine Verabschiedung vom Körper des verstorbenen Menschen in jedem Fall wichtige Prozesse einleiten und fördern kann, jedoch umso wichtiger ist, je enger und näher die Beziehung zum Verstorbenen war und je plötzlicher der Tod eingetreten ist und je komplizierter die Beziehung zu Lebzeiten und je konfliktreicher das letzte Zusammentreffen war.
Dabei ist zu beachten, dass ich immer wieder erlebt habe, dass genau diese vier Kriterien auch die größten Hemmer für eine durchgeführte Abschiednahme darstellen, da sie alle mit großer Angst vor Überwältigung im Angesicht des Verstorbenen korrelieren und daher in einer einfühlsamen Begleitung die Wichtigkeit der Abschiednahme betont werden soll.

Durch eine bewußte Abschiednahme vom Leib des verstorbenen Menschen wird eine Förderung und ein Anstoß des Trauerprozesses erreicht. Es kann davon ausgegangen werden, dass krankhafte Formen und Entwicklungen der Trauer verhindert werden.

Dr. Markus Ploner

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