Alle Jahre wieder – Trauer zwischen Glanz, Glamour und edler Besinnlichkeit

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Es gibt neben dem Todestag wohl keinen Termin im Jahr, der Trauernden so viel Angst macht wie Weihnachten. Es ist nicht nur ein Familienfest, an dem besonders schmerzhaft spürbar wird, wenn einer fehlt oder wenn man gar den Heiligen Abend plötzlich alleine verbringen muss. Es ist auch die über Film und Fernsehen transportierte fixe Idee, dass dieses Fest “vollkommen” sein muss: Alle kommen zusammen in ein fürstlich dekoriertes heimeliges Haus, die Tische biegen sich, alle lieben sich, alles glitzert: Friede, Freude, Eierkuchen.

Tradition, Spielfilme und Werbung haben eine Weihnachtsillusion geschaffen, die keiner erreichen kann, denn der edlen Stille und Besinnlichkeit steht der Termindruck im Wege und dem Frohen Fest die familiäre Realität. Selbst wenn die Deko noch so glänzt, kann sie über schwelende familiären Konflikte oder sonstige Sorgen nicht wirklich hinwegtäuschen. Und wenn ein Familienmitglied verstorben ist, fehlt es ganz einfach besonders.
Von Jahr zu Jahr scheint die Inszenierung der beiden Weihnachtsillusionen extremer zu werden: Glitzer-Fun und aufoktroyierte Pseudo-Besinnlichkeit, Glamour und edle Stille stehen einander gegenüber. Man sucht das eine oder andere, kaum einer verhält sich so, wie er es will und wie es ihm gut tun würde. Und für Trauernde ist es geradezu unmöglich hier den passenden Platz zu finden.

Im Leben von Trauernden passt nämlich gerade gar nichts, da wird die edle Stille ganz einfach nur zum Fehlen der typischen alltäglichen Geräusche des Verstorbenen. Man war sich zu Lebzeiten dieser Geräuschkulisse gar nicht bewusst, aber jetzt, wo sie nicht mehr da ist, fehlt sie auf brutale Art und Weise – gerade in der Stillen, Heiligen Nacht. Auch Stille kann ohrenbetäubend sein. Aber am Tisch mit fröhlichen Menschen ist es eben auch nicht auszuhalten, weil es nicht zur Stimmung passt und man sich selbst als Störfaktor wahrnimmt.

Es ist irgendwie verflixt! Man kann sich zu Weihnachtlichkeit aufraffen oder auf sie verzichten, wie immer man sich entscheidet: Weihnachten bleibt im Kopf wie der berühmte rosarote Elefant, an den zu denken man sich verbietet. Was tun? Weihnachten trotzdem feiern? In ein fernes Land fliehen? Ablenkung oder Konfrontation mit dem Schmerz? – Das ist hier die Frage.
Feste im Jahreskreis sind mit Traditionen und Ritualen verbunden, die sich jährlich wiederholen. Derartige Wiederholungen tun uns Menschen an sich gut, denn sie geben Struktur, Halt und Orientierung. Beschwerlich oder sinnlos werden Traditionen und Rituale dann, wenn sie nicht mehr passend erscheinen, wenn sie leere Formeln geworden sind, wenn sie wiederholt werden, obwohl sie keinen Inhalt mehr haben, „weil man das so macht, weil man das immer schon so gemacht hat”. Wenn das der Fall ist oder wenn eine Tradition mehr schmerzt als gut tut, weil sie Wunden aufreißt oder ein Trauma aktiviert, dann darf man ruhigen Gewissens etwas Neues versuchen.
Aus Traditionen auszubrechen ist gar nicht so einfach, aber: Trauernde Menschen müssen sich neu orientieren, Neuorientierung ist grundlegendes Ziel aller Trauerarbeit. Und genau das ist vor allem auch an Weihnachten Thema: Neuorientierung heißt, dass man lernt ohne den Verstorbenen als physische Person zu leben, aber gleichzeitig mit ihm über die Erinnerung in Verbindung zu bleiben, weil er immer Teil des Lebens bleiben wird und bleiben darf. Neuorientierung kann aber auch heißen, dass man sich auf sich selbst besinnt, aus Zwängen ausbricht und auch Weihnachten zwanglos verbringen kann, so wie es einem gut tut beziehungsweise so wie einem diese Tage erträglich erscheinen.
Dafür gibt es aber kein Patentrezept! Erlaubt ist sowohl Traditionen aufrechtzuerhalten als auch etwas Neues zu probieren und zu sehen, wie sich Weihnachten unter anderen Vorzeichen anders anfühlt. In Trauerratgebern liest man häufig, dass Trauernde den Schmerz aushalten lernen müssen, sich der Trauer stellen müssen und bestimmte Situationen einfach durchleben müssen. Das stimmt zwar, aber nur zum Teil. Erholung und Ablenkung sind im Trauerprozess genauso wichtig, denn wer Schwerstarbeit vollbringt, der braucht auch immer wieder Pausen und Erholungsphasen, sonst führt der permanente Stress zur Überarbeitung, zu Erschöpfung und Depression. Und eine solche Erholungsphase darf auch an Weihnachten eingeleitet werden. Wichtig ist, dass über das Jahr hindurch immer wieder beides Raum hat: Sowohl die Trauer als auch die Pause dazwischen.

Die Trauernden, die ich in den vergangenen zehn Jahren begleitet habe, gehen ganz unterschiedlich mit Weihnachten um, jeder muss hier wohl seinen eigenen Weg finden, diese Tage zu gestalten. Eines ist aber immer wichtig: Familien, die ein Familienmitglied verloren haben, tun sich leichter, wenn sie den Anspruch, dass Weihnachten trotz des Verlustes perfekt funktionieren muss, aufgeben. Wenn einer stirbt, ändert sich in einer Familie alles, auch die Bedürfnisse der einzelnen am Heiligen Abend: Die einen suchen die Stille und die Konfrontation mit der Trauer, die anderen müssen raus und brauchen andere Menschen, die sie vom Schmerz ablenken, weil er sonst zu unerträglich wird.

Für Menschen, die in den Weihnachtstagen alleine sind, ist es wichtig, diese Tage gut zu strukturieren: Welche Veranstaltungen kann ich besuchen, dass ich etwas unter die Leute komme? Gibt es in meiner Nähe spezielle Angebote für Alleinstehende? Welches Lokal hat geöffnet? Kann ich jemanden zu mir einladen oder mich treffen, der in einer ähnlichen Situation ist wie ich? Interessant ist nämlich, dass viele Menschen an Weihnachten alleine sind, auch Bekannte haben, die alleine sind, aber die Hemmschwelle groß ist, sich mit diesen Menschen zusammenzutun, weil es eben keine „Familienmitglieder” sind. Zu sehr ist das Fest der Hl. Familie mit der fixen Idee verknüpft, dass man sich nur mit der eigenen Familie treffen kann, selbst wenn man gar keine mehr hat.
Und die intakten Familien kennen zwar meist alle Menschen, die durch einen Verlust einsam geworden sind, haben aber Angst diese Menschen in ihre Familie einzuladen, weil die Sorge groß ist, dass das eigene Familienglück durch einen trauernden Gast gestört wird.
Schön wäre es, wenn wir uns alle von der Illusion des vollkommenen Festes verabschieden und ein wenig über unseren Schatten springen könnten. Wir sollten jene, die trauern und einsam sind im Auge behalten. Es muss ja nicht gleich eine Einladung zum Familienessen am Heiligen Abend sein, es genügt oft schon ein Anruf, ein ehrliches Nachfragen, wie es denn geht, ein Teller Kekse, eine Einladung in den Tagen zwischen Weihnachten und Silvester zum Kaffee oder auf einen Spaziergang. Und bei diesen Gelegenheiten geht es nicht darum, tröstende Worte zu finden, die es sowieso nicht gibt, es geht vielmehr darum, zuzuhören und die Tränen des Gegenübers auszuhalten.