Allerheiligen – ein Appell an die Menschlichkeit

Frieden auf der Welt

Seit Jahrhunderten gedenken wir zu Allerheiligen unserer Verstorbenen, während uns unsere eigene Sterblichkeit aufs Neue bewusst wird. Dabei eignet sich dieser Anlass auch ganz hervorragend, um unseren Umgang mit den Lebenden zu hinterfragen. Denn unabhängig von Hautfarbe, Nationalität und Religion haben wir eins gemeinsam: Wir alle sind sterblich.

Wer zu Allerheiligen das Grab seiner Angehörigen besucht, erlebt wahrscheinlich Jahr für Jahr das Gleiche: Überall brennen Grablichter, frische Gestecke, Blumen und Dekorationen wurden auf zahlreiche Gräber gelegt und selbst Grabstätten, die sonst das ganze Jahr über nicht besucht werden, strahlen in neuem Glanz. Manchmal hat es den Anschein, als wäre Allerheiligen genauso kommerzialisiert worden wie die meisten anderen Anlässe.

Trauer macht uns alle gleich

Eigentlich wäre es jetzt an der Zeit, die Bedeutung von Allerheiligen auszudehnen und unsere Gedanken an die Verstorbenen auch auf die Lebenden zu richten. Denn auch das haben alle Menschen gemeinsam: Jeder von uns hat schon schmerzliche Verluste erfahren und jeder trauert und leidet, wenn ein geliebter Mensch verstirbt. Und diese Trauer kann uns vielleicht besser einen als alles andere.

Während wirtschaftliche Faktoren, kulturelle Verschiedenheiten und nicht zuletzt Religionen oft Gründe für Konfrontationen liefern und uns die scheinbar gravierenden Unterschiede zu unseren Mitmenschen aufzeigen, lassen Trauer und Leid alle Gegensätze in einem völlig anderen Licht erscheinen. Und wenn wir es schaffen, diesen Blickwinkel auch während des kommenden Jahres im Hinterkopf zu behalten, gehen wir vielleicht etwas menschlicher mit unseren Artgenossen um.

Mit Toleranz gegen Vorurteile

Zugegeben: Jeder hat sie. Vorurteile prägen uns seit unserer frühesten Kindheit. Und genau diese Prägung hindert uns daran, Menschen in ihrer Individualität zu erkennen. Stattdessen stecken wir sie gedanklich in Schubladen. Das Ergebnis dieser „Einteilung“ können wir dann in den Nachrichten sehen: Konflikte aufgrund von Religionen, Hautfarben und Nationalitäten sind an der Tagesordnung. Und statt sich auf die Gemeinsamkeiten zu besinnen und Lösungen zu suchen, die für alle Beteiligten akzeptabel sind, wird versucht, die eigenen Ansichten allen anderen überzustülpen. Womit die Auseinandersetzungen immer weiter auf die Spitze getrieben werden.

Ich plädiere hier keineswegs dafür, dass wir unsere Individualität verleugnen und uns jeder Strömung anpassen sollen. Ganz im Gegenteil: Ein Mensch, der weiß wer er ist, hat gar kein Interesse daran. Aber genauso wenig hat er es nötig, alle anderen sich selbst gleichmachen zu wollen. Wer sich seiner selbst bewusst ist, empfindet andere Lebensweisen und Ansichten nicht als Bedrohung, sondern kann die Individualität seiner Mitmenschen schätzen lernen. Und welcher Zeitpunkt wäre besser geeignet, um darüber nachzudenken, als Allerheiligen?

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