Buchbesprechung: „Das erste Trauerjahr – Was kommt, was hilft, worauf Sie setzen können“

Es freut mich den neuen Trauerratgeber : „Das erste Trauerjahr – Was kommt, was hilft, worauf Sie setzen können“ von Eva Terhorst vorstellen zu dürfen. Ob plötzlich durch ein körperliches Gebrechen, durch einen Unfall, Suizid oder Gewalt oder aber nach längerer Krankheit erwartet, der Tod eines geliebten Menschen ist immer ein brutaler Einschnitt, der uns aus der Bahn wirft. Nichts ist mehr so wie es war und es wird auch nie mehr so sein. Wir müssen neue Wege beschreiten, „neue Pfade anlegen“, wie Eva Terhorst es nennt, und das fällt unglaublich schwer, weil es uns vom geliebten Menschen wegzuführen scheint. Und dennoch ist es das, was wir tun müssen, um einen neuen Lebensabschnitt beginnen zu können. Die Autorin zeigt in ihrem Buch die typischen Themen, Schwierigkeiten und Fragen auf, welche Trauernde besonders im ersten Trauerjahr beschäftigen.

In den ersten beiden Kapiteln „Nichts ist wie zuvor“ und „Die persönlichen Umstände der Trauer“ geht es um eine Bestandsaufnahme der Ereignisse und der Veränderungen, die diese mit sich bringen, und wie wichtig es ist, dass Trauernde sich ihre jeweiligen Dispositionen bewusst machen, um klar zu erkennen, wie es um einen steht. Wenn diese Bestandsaufnahme  gemacht ist, wird auch die Frage „Wie ist der Alltag zu schaffen?“  leichter anzugehen sein.

In Kapitel 3 wird durch ganz praktische Anleitungen und Tipps Struktur ins Alltagschaos gebracht. Kapitel 4 behandelt „Selbstvorwürfe, Liebe und Streit“ und all die unangenehmen Begleiterscheinungen der Trauer – von familiären Konflikten bis hin zu zerfleischenden Schuld- und Schamgefühlen. Trauernde und Angehörige merken, dass sie als Betroffene diesen Themen nicht ausweichen können, haben aber oft keine hilfreichen Ansätze oder Ideen mit Verletzungen, Konflikten, Schuld, Scham und Wut umzugehen. Die Autorin arbeitet diese Themen auf und gibt gute Anregungen.

Kapitel 5 beschäftigt sich mit den typischen akuten Belastungsreaktionen nach einem Todesfall wie Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen und Gedächtnislücken. Diese Belastungsreaktionen werden in ihrer Symptomatik ausführlich beschrieben, die Tipps im Umgang damit bleiben aber eher an der Oberfläche und listen neben Traumreisen und Entspannungsübungen vor allem pseudomedizinische Ansätze wie homöopathischen Mittel und Bachblüten auf. Das Kapitel „Ernährung“ baut auf der Annahme auf, dass unsere Zivilisationskrankheiten auf die Übersäuerung des Organismus zurückzuführen sind, was sehr kritisch zu sehen ist. Für diese Theorie konnten bisher keinerlei Beweise erbracht werden, das Gegenteil ist sogar der Fall. Basenpulver werden von der Autorin empfohlen, wenn man keine Zeit oder keine Motivation verspürt, sich gesünder zu ernähren. Stoffwechselexperten erklären aber seit Jahren, dass die Wirkung von Basenpulver genauso ein Mythos ist wie die Übersäuerung des Organismus und dass sie zum Teil gefährliche Nebenwirkungen aufweisen und langfristig eingenommen gesundheitsschädlich sein können.

Bewegung, Yoga und Gehen werden als hilfreiche Entspannungsmethoden beschrieben, was stimmt und auch medizinisch bzw. neurologisch belegt werden kann.

Kapitel 7, „Die Sehnsucht nimmt überhand“, beschreibt den oft langen und zermürbenden Zustand der Sehnsucht als zunächst normales Phänomen der Trauer. Betroffene werden aber dazu aufgefordert sich professionelle Hilfe zu holen, wenn sich diese Sehnsucht in Suizidalität wandelt und Gedanken immer zwingender in diese Richtung gehen. Gegen den Sog in die Depression kann man arbeiten, indem man Resilienz und Kohärenz stärkt, der Tipp ein Achtsamkeitstagebuch bzw. Glückstagebuch zu führen kann dabei gut helfen, da die Wahrnehmung auf gute Momente im Tagesverlauf gerichtet wird, die es auch in der Trauer gibt.

Kapitel 8 „Trauerbegleitung und Psychotherapie“: Ziele und Sinn der beiden Möglichkeiten sich in der Trauer unterstützen zu lassen werden beschrieben, außerdem werden andere Möglichkeiten, wie z.B. der Besuch einer Trauergruppe beschrieben, und es wird erläutert, was die Vor-und Nachteile vom Besuch solcher Gruppen sein können. Sehr hilfreich ist der Abschnitt „Wie Sie für eine hilfreiche Trauerbegleitung für sich sorgen können“, in dem ermutigt wird, sich ein Hilfsteam zusammenzustellen, das passgenau den persönlichen Bedürfnissen der eigenen Trauer entspricht: Menschen oder Gruppen, bei denen sie ihre Gefühle und Gedanken abladen können und wieder andere, die für Erholung, Ablenkung und Entspannung zuständig sind.

Mögliche Bedürfnisse von Trauernden werden aufgelistet, welche gegenüber der Familie und anderen begleitenden Personen formuliert werden können, damit all diesen Personen klar ist, was Betroffene erwarten, was im Moment hilfreich und wichtig ist und was nicht. Spannend, geerdet und mir persönlich sehr sympathisch ist der Zugang der Autorin zum Thema „Jenseitskontakte durch Medien“. Sie äußert ihre eigene Skepsis, findet aber, dass um der Erleichterung Willen, vor allem aber, wenn durch solche Angebote Suizidalität verhindert werden kann, auch umstrittene Wege akzeptabel sind.

Die letzten Kapitel des Buches beschäftigen sich mit dem Ende des ersten Trauerjahres und mit dem Herannahen des ersten Todestages. Es wird betont, dass das erneute, zum Teil heftige Auftauchen von Schmerzwellen und Unruhe kein Rückschritt ist, sondern ganz normale Reaktionen, die dem Herannahen jenes Tages vorausgehen, an dem ein Jahr zuvor alles plötzlich ganz anders geworden ist. Das Buch schließt mit den Möglichkeiten der Gestaltung des 1. Todestages, mit der Beschreibung der 4 Trauerphasen nach Verena Kast und mit einem Ausblick, wie es nach dem 1. Jahr weitergehen kann. Es wird darauf hingewiesen, dass Trauer meist 3 bis 5 Jahre dauert, sich aber in diesen Jahren verändert, weil man sich selbst wieder langsam neu findet und erfindet.

Eva Terhorst beschreibt in ihrem Buch die Aspekte und Themen der Trauer im ersten Jahr als Trauerbegleiterin aber auch als selbst Betroffene ausführlich, leicht verständlich und gut nachvollziehbar. Als Einstiegslektüre zum Thema Trauer ist das Buch daher sehr gut geeignet, um sich einen Überblick zu verschaffen. Sehr angenehm ist die Einteilung in insgesamt 10 Großkapitel, die in kleine gut überschaubare Themenblöcke unterteilt sind. Von der Tendenz zu pseudomedizinischen Ansätzen einmal abgesehen, ist das Buch wirklich gut gelungen und sehr empfehlenswert.

 

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Pink rose on the ground
©Ansku Anastasia