Christine Pernlochner-Kügler erinnert an unsere Vergänglichkeit

Friedhof an Allerheiligen
Friedhof an Allerheiligen

Dr. Christine Pernlochner-Kügler, die uns bei Aspetos schon viele Jahre mit Rat und Tat zur Seite steht, hat ihren Mitmenschen in einem offenen Brief in der Tiroler Tageszeitung einige wichtige Worte zu Allerheiligen/Allerseelen mit auf den Weg gegeben, die wir auch hier noch einmal wiedergeben möchten:

Brief an Tirol zu Allerheiligen/Allerseelen

Jeder, der schon einmal über einen längeren Zeitraum keinen strukturierten Tagesablauf hatte, kennt es – das „In-den-Tag-Hineinleben“. Was zu Beginn angenehm ist, geht allmählich über in „Planlosigkeit“ und Sinnlosigkeit, führt zu Antriebslosigkeit und kann in einer Depression enden. Wir Menschen brauchen ein bestimmtes Maß an Struktur und an wiederkehrenden Ereignissen. Struktur gibt Halt und Vertrautes schafft Vertrauen.

Die Jahreszeiten und die Feste des Jahreskreises mögen manch einem als Zwang erscheinen, ihr Sinn ist aber, dass sie uns Struktur geben und uns an wichtige große Lebensthemen erinnern. Heute sind diese Feste des Jahreskreises wichtiger denn je: Viele von uns arbeiten in klimatisierten und künstlich beleuchteten Räumen, wir bekommen die Tageszeiten nicht mehr richtig mit, hetzen durch den Alltag. Die Natur kennen wir nur im Laufschritt, denn wir joggen (vielleicht mit Musik im Ohr) oder fahren mit dem Bike schnell an ihr vorbei. Den Wechsel der Jahreszeiten bemerken viele von uns vor allem an der Mode, wenn es heißt „Winterschlussverkauf“, „Sommerschlussverkauf“ oder wenn man zum Shoppen ausrückt, weil am 1. November, am Friedhof, da braucht es einen neuen Mantel.

Wer so weit weg ist vom Säen, Pflanzen, Ernten, Verwelken und Verrotten, ist automatisch weit weg von den großen Themen des Lebens und hat auch schwerer Zugang zum Thema Vergänglichkeit. Die Jahreskreis-Feste gehen ursprünglich zurück auf die Sonnenfeste der Germanen und die Mondfeste der Kelten. Im Zuge der Christianisierung übernahm man diese Termine und passte die christlichen Themen daran an. Das war nicht schwer, denn die großen Themen sind universell: Die Fruchtbarkeit, das Werden, die Geburt, das Wachsen und Reifen, die Blüte, das Verfallen, der Tod und schließlich – der Neubeginn. Oder aber: Die hellen und sonnigen Zeiten im Leben und die dunklen, kalten Zeiten, die Übergänge dazwischen. Wer mit der Natur arbeitet, ist damit vertraut. Klingt banal, ist aber so.

Halloween und Allerheiligen/Allerseelen, sind zwei Tage im Jahr, die uns mit der Nase auf das stoßen, was wir heute gerne und leicht verdrängen – den Tod. An ihn zu denken ist nicht leicht, aber er gehört dazu. Angeblich gibt es in der Mongolei einen Stamm, zu dessen Tradition es gehört, dass in jeder Jurte ein Sarg steht. Immer wenn jemand eine wichtige Entscheidung zu treffen hat, legt er sich in den Sarg, um die richtige Entscheidung zu treffen.

Ich persönlich finde das toll, für Tiroler Verhältnisse ist das wahrscheinlich zu krass. Aber hin und wieder, wenigstens einmal im Jahr, sollten wir es schaffen, uns unsere Endlichkeit bewusst zu machen. Wer dem Tod Raum gibt, lernt das Leben mehr zu schätzen. Wer sich hin und wieder bewusst macht, dass es jeden Moment vorbei sein kann, lernt sich über Kleinigkeiten zu freuen. Manche Dinge werden dann auch unwichtig. Klingt banal, ist aber so.

Christine Pernlochner-Kügler
hat Philosophie und Psychologie studiert
und ist Bestatterin bei Bestattung und mehr J. Neumair

Quelle: Tiroler Tageszeitung
Foto: Marc Osborne/Shutterstock.com