Was ist falsch am Hirschgeweih auf dem Sarg des Jägers? Neue Rituale oder altes Theater?

Rahmen

abschied mit kind 3
Mit Verbindungssteinen kann der Kontakt zum Verstorbenen hergestellt werden.Foto: Roland Mühlanger
Wir brauchen neue Rituale. Die alten passen nicht mehr und wirken dadurch leer und starr. Und was fällt uns Bestattern dazu ein? „Die Trauerfeier muss zum Leben des Verstorbenen passen.“
Also lassen wir beim Abschied von Kindern Luftballone steigen, Jugendliche werden aufgebahrt und ihr Skateboard darf an den Sarg gelehnt werden, dazu vielleicht noch ihr Lieblings-Stück von den Bösen Onkelsz „Die Besten sterben immer zu früh“. Und der Jäger bekommt sein letztes Hirschgeweih auf den Sarg, alles ist mit Tannenzweigen dekoriert. Weidmanns Heil! – Weidmanns- Dank! Amen.

Das ist alles schön und gut, auch sehr bemüht und die Angehörigen sind dankbar. Sie sind vor allem deshalb dankbar, weil sie in Sachen Trauerfeierlichkeiten nicht sehr verwöhnt sind und ihr eigener Ausnahmezustand verhindert Kreativität für gewöhnlich.  Alles, was ein wenig individueller gestaltet ist, als die althergebrachte „Standard-Zeremonie“  wird begeistert aufgenommen. Aber vielleicht sollten wir uns darüber hinaus bemühen, „dem Abschied mehr Tiefe zu geben“, die Trauerfeier wirkt nicht selten trotz Hirschgeweih und Skateboard leer und standardisiert.

Was ist also falsch am Hirschgeweih auf dem Sarg des Jägers?

Falsch ist daran gar nichts! Natürlich darf das Hirschgeweih dabei sein, auch die Bläsergruppe, auch die Tannenzweige und das Weidmanns Heil-Weidmanns Dank!
Wir müssen lediglich darauf achten, dass wir mit unserem Ruf nach neuen Ritualen nicht einfach einen alten Hut mit neuen Federn schmücken und die selben Fehler im Grunde wiederholen:
Bestattungsinstitute haben Kontakte zu professionellen Trauerrednern bzw. Musikern, die engagiert werden, das ist üblich und traditionell. Wenn statt einem Orgelspieler einen Didgeridoo-Spieler engagiert wird, ist das mal was anderes, aber an sich nichts Neues. Man kann auch einen Pantominen statt einem Trauerredner einsetzen. Das ist mal was anderes, aber die Frage ist:Ist das wirklich neu und bringt allein das den Angehörigen wirklich etwas?

Wenn man lediglich die Requisiten und Schauspieler austauscht, bleibt das Stück trotz allem das gleiche und die Angehörigen werden in die Distanzierung eines Publikums gebannt. Das ist der Grund, warum kirchliche oder unkonfessionelle Inszenierungen von Trauerfeiern oft leer und aufgesetzt wirken: Auf einer Bühne inszenieren Priester oder Trauerredner ein Theater für ein sehr inaktives und erstarrtes Publikum. Der Sarg steht zwar da, aber das Ganze geschieht “über den Verstorbenen hinweg”. Wir dürfen diesen Fehler auf moderne und unkonfessionelle Art nicht wiederholen!

Ein hilfreiches Ritual aktiviert die Angehörigen und eröffnet die Kommunikation mit dem Verstorbenen

In Krisensituationen ist es für Menschen vor allem wichtig, dass sie selbst etwas tun können, um Kontrolle und Sicherheit wiederzugewinnen. Es ist beim Abschied wichtig, Angehörige selbst mitwirken zu lassen, allerdings ohne sie alleine auf eine  Bühne zu stellen. Man darf sie nicht aus dem Schutz der Gemeinschaft herausnehmen, es sein denn, sie möchten das selber.

Wir haben aus den althergebrachten Abschiedsritualen  gefühlsfördernde Elemente nach und nach entfernt, was  trauerpsychologisch nicht gesund ist. Dadurch wirken traditionelle Trauerfeiern und Rituale so leer.  Das Anliegen von uns  Bestattern sollte es sein, emotionsfördernden Elementen wieder mehr Platz zu geben.
Das gelingt am besten, wenn der Sarg geöffnet und der Verstorbene sichtbar und berührbar ist. Dadurch steht der Verstorbene automatisch im Mittelpunkt. Wichtig ist aber, dass ein Kontakt zwischen den Angehörigen und dem Verstorbenen hergestellt wird: Abschied ist Kommunikation und nicht das Ausstellen eines geöffneten oder geschlossenen Sarges zur „Besichtigung“. Die Aufgabe des Bestatters als Trauerbegleiters ist es hier, den Kontakt zum Verstorbenen zu fördern und zu unterstützen.
Rituelle Elemente sind dabei ganz einfache und praktische Dinge: Dem Verstorbenen etwas mitgeben (persönliche Gegenstände, Briefe, Fotos) und sich Erinnerungsstücke vom Verstorbenen mitnehmen (Haarlocke, Finger-Abdrücke etc.). Kompetente Bestatter und Trauerbegleiter bieten Angehörigen an, den Verstorbenen mit Unterstützung gemeinsam anzukleiden und in den Sarg einzubetten. Diese Form des Abschiednehmens hat mit der Inszenierung einer Trauerfeier nichts zu tun. Im Gegenteil, es ist etwas sehr Intimes und der  Umgang mit dem toten Körper normalisiert und entritualisiert sich im Laufe der Zeit sogar.

Sobald der Deckel auf dem Sarg bleibt, was bei uns im deutschsprachigen Raum bei offiziellen und öffentlich zugänglichen Trauerfeiern üblich ist, muss ein Ritual gefunden werden, das zum Leben des Verstorbenen passt und den Bedürfnissen der Angehörigen gerecht wird. Darüber hinaus hat es vor allem eine wichtige Aufgabe: Das Ritual muss einen Kontakt zum Verstorbenen herstellen, auch wenn der Sarg geschlossen ist.  Der geschlossen Sarg blockiert die Kommunikation mit dem Verstorbenen, ein hilfreiches Ritual eröffnet sie wieder.

Im Ausnahmezustand sind Angehörige selten kreativ. Wie findet man hier ein passendes Ritual?

Ganz einfach: Durch Nachfragen, ein paar Ideen mit im Gepäck und ein bisschen Kreativität. Mitunter braucht man auch den Mut dazu, aus einer Not eine Tugend zu machen.
Die Lieblingsmusik des Verstorbenen zu spielen, ist heute kein Problem. Mit dem MP3-Player des Verstorbenen hat man alles, was man braucht. Da ist drauf, was er gerne gehört hat. Aus dem Bedürfnis, noch etwas für den Verstorbenen zu tun bzw. ihm etwas mitzugeben, kann man sehr viel machen und hier gibt es  eine Reihe individuell gestaltbarer Varianten, die auch kurzfristig umsetzbar sind.
Für Babies und Kleinkinder kann man bunte Papierschiffchen mit den Hinterbliebenen basteln: Jeder schreibt auf sein Schiffchen einen Wunsch oder Gedanken für das verstorbene Kind. Die Schiffchen kann man in den Sarg hineinlegen oder die Angehörigen gehen nach der Beisetzung oder Verabschiedung zusammen zu einem Fluss und schicken die Boote auf die Reise. Man kann bei der Trauerfeier auch das Lieblingseis des verstorbenen Kindes gemeinsam essen und dabei an das Kind denken.
Särge kann man anmalen oder bekleben. Das sind gerade auch für Kinder hilfreiche Möglichkeiten, noch etwas für einen Verstorbenen zu tun und sich kindgerecht zu verabschieden.
Wichtig ist, dass die Hinterbliebenen selbst mitwirken und wir ihnen dabei helfen, passende Ausdrucksformen zu finden. Manchmal muss man sich als Bestatter und Trauerbegleiter auf Besonderheiten der Situation und der Bedürfnisse einlassen und kreativ sein.

Ein Beispiel dafür war der Abschied von einem 20-jährigen jungen Mann, der plötzlich und gewaltsam gestorben ist. Ein Abschied am offenen Sarg war aufgrund der schweren Verletzungen nicht möglich. Hier war wichtig , dass Familie und Freunde noch einmal Gelegenheit hatten dem Verstorbenen etwas zu sagen.  Die Abschiedsfeier fand im Krematorium statt, die Familie und die Freunde wollten bei der Einfuhr in den Kremationsofen mit dabei sein. Die Eltern und Geschwister kamen früher als die anderen Trauergäste, um mit dem Verstorbenen im Sarg noch einmal alleine zu sein. Sie haben Sargbeigaben mitgebracht: Das Lieblingshemd des Verstorbenen , eine Zeichnung, ein Stofftier. Der Sarg war schon fix verschlossen und konnte auf die Schnelle nicht mehr geöffnet werden, da kein Akkuschrauber im Krematorium vorhanden war. So konnten die Beigaben von der Leiterin der Trauerfeier nicht mehr in den Sarg gelegt werden.
Einfach auf den Sarg legen, konnte man die Gegenstände nicht, da die heiße Luft im Ofen bei der Einfuhr die Dinge im brennenden Zustand herausgeblasen hätte, bevor noch die Ofentür geschlossen werden hätte können.

Es war notwendig, die Gegenstände am Sarg außen zu fixieren. Die Leiterin des Abschiedes hat den Eltern und Geschwistern die Situation erläutert und den Vorschlag gemacht, dass man die Sargbeigaben außen auf den Sarg nageln könnte. Das hat die Familie dann selber getan. Und was zunächst äußert unprofessionell und nach Notlösung ausgesehen hat, hat sich für die Familie als enorm wichtig und hilfreich herausgestellt: Sie konnten auf diese Weise noch mal ganz nah ran und durften etwas „Normales“ machen  –  nämlich Nägel in den Sarg klopfen. Sie konnten mit dem Verstorbenen nochmal kommunizieren. Unter Tränen wurde immer wieder auch gelacht. Das war gut so,  Spannung und Angst konnten reduziert werden. Später sind noch ca. 20 Freunde des Verstorbenen gekommen. Damit begann der offizielle Teil der Verabschiedung.

Der Verstorbene hatte Gitarre in einer Band gespielt. Ein Bild seiner Gitarre hatte das zuständige Bestattungsinstitut vergrößert und 30mal ausgedruckt. Bei der Abschiedsfeier wurden die Gitarren dann an die Trauergemeinde verteilt. Jeder bekam einen Kugelschreiber, schrieb dem Verstorbenen  auf die Rückseite, was er ihm noch sagen wollte und klebte die Gitarre dann auf den Sarg. So hat jeder den Sarg berührt, der Kontakt und die Kommunikation zum Verstorbenen waren hergestellt.

Dr. Christine Pernlochner-Kügler

Aspetos vernetzt mit AbschiedsexpertInnen und RitualberaterInnen:

Aspetos hat Kontakt zum „Netzwerk Rituale Österreich“ und bietet gemeinsam mit den Funeralitas-Fortbildungen für Bestattungspersonal am 15. und 16. Oktober 2009 ein Seminar mit Johanna Neussl zum Thema „Dem Abschied Tiefe geben“ an. Johanna Neussl  ist ausgebildete Ritual-Beraterin und  Ritual-Leiterin und hat mit ihrer Kollegin Martina Suomi Steiner das Netzwerk Rituale Österreich gegründet.

Informationen: www.aspetos.at –> Fortbildungen

Anmeldungen: pernlochner@aspetos.at

Interessante Links:
www.ritualnetz.at
www.rituale.at