Drama um Prinz Friso entfacht Debatte um Sterbehilfe in Österreich neu

Die niederländische Königsfamilie ist derzeit nicht zu beneiden. Sie muss nicht nur den schweren Skiunfall des Prinzen Friso im österreichischen Nobelskiort Lech am Arlberg verkraften – der zweite Sohn von Königin Beatrix ist von einer Lawine verschüttet worden und liegt nun seit Tagen mit massiven Hirnschäden im Koma. Die royale Familie steht zudem vor einer der wohl schwersten Entscheidungen, die auf einen Menschen zukommen können: Sie muss über Leben und Tod richten.

Schwere Entscheidung

Die Prognose der Innsbrucker Ärzte für Prinz Friso nach Lawinendrama und 50-minütigen Wiederbelebungsversuchen könnte schlechter nicht sein. Fraglich, ob er jemals wieder aufwacht. Und selbst wenn der 43-Jährige wieder zu Bewusstsein kommen sollte, steht ihm wahrscheinlich ein Leben als Pflegefall bevor. Frisos Frau, Prinzessin Mabel, Mutter Königin Beatrix und die Brüder Willem-Alexander und Constantijn müssen sich fragen, ob ihr Mann, Sohn und Bruder sich ein solches Leben gewünscht oder ob er angesichts der düsteren Aussichten ein Abschalten der Maschinen bevorzugt hätte. Sterbehilfe leisten oder die Hoffnung behalten, dass doch noch alles ins Lot kommt, dass sich der Gesundheitszustand Prinz Frisos bessert? Fragen können sie ihn zurzeit nicht.

Mobile Teams für aktive Sterbehilfe

Die Königsfamilie sucht nach einer Reha-Klinik für Prinz Friso, heißt es. Die Hoffnung lebt also. Niederländische Medien spekulieren aber bereits offen über die Möglichkeit des Abstellens der lebenserhaltenden Maßnahmen für den Prinzen, insbesondere, wenn nach einer Komaphase von drei Wochen keine Hirnaktivität mehr erkennbar sein sollte. Der Patient gilt in solchen Fällen als hirntot. Allerdings gelten in den Niederlanden in Sachen Sterbehilfe ohnehin die wohl liberalsten Gesetze der Welt. Selbst aktive Sterbehilfe, also die Gabe von tödlichen Mitteln, ist hier unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt. Seit 1. März 2012 werden sogar mobile Teams einer Sterbehilfeorganisation ausgeschickt, um Schwerkranke auf Wunsch zu töten. Undenkbar in Österreich.

Zwei Drittel befürworten Sterbehilfe

Hierzulande befürworten laut einer aktuellen Umfrage zwar 62 Prozent die Sterbehilfe und wünschen sich eine entsprechende Gesetzesänderung. Viele Experten lehnen dies aber rundweg ab. Typisch konservatives Land, ätzen niederländische Journalisten. Das Schicksal von Prinz Friso hat aber auch in Österreich die Debatte um (aktive) Sterbehilfe neu entfacht. Der Verzicht auf lebensverlängernde Maßnahmen – passive Sterbehilfe – ist sowieso erlaubt. Für Sterbehilfe-Kritiker ist das aktive Erfüllen des Todeswunsches “Töten auf Verlangen”. Die Patienten würden sich eigentlich nicht den Tod, sondern vielmehr Zuwendung und Heilung wünschen. Auch religiöse Motive können der Umsetzung einer aktiven Sterbehilfe im Wege stehen. Befürworter der Sterbehilfe betonen dagegen das Recht des Menschen auf ein selbstbestimmtes Ableben, vor allem dann, wenn ihn unerträgliche Schmerzen quälen und eine Besserung nicht in Sicht ist.

Ethisches Dilemma

Ein ethisches Dilemma, das sich nur in anhaltenden Diskussionen über Sinn bzw. Unsinn der aktiven Sterbehilfe lösen lässt – am besten ohne Vorbehalte. Bei der passiven Sterbehilfe, also dem Abschalten der Maschinen bei Koma-Patienten, wie es wohl auch bei Prinz Friso im Raum steht, sehen sich Ärzte, Verwandte und Freunde noch einem ganz anderen Konflikt ausgesetzt. Liegt keine Patientenverfügung vor und haben sich die Betroffenen vor ihrem Koma nicht eindeutig geäußert, muss die Entscheidung ohne die Meinung des Patienten getroffen werden. Im schlimmsten Fall werden sich die Angehörigen ein ganzes Leben lang Vorwürfe machen, wenn sie der passiven Sterbehilfe zugestimmt haben. Und außerdem: Was ist, wenn ein Mensch, der sich die Sterbehilfe angesichts eines drohenden Daseins als Pflegepatient gewünscht hat, im konkreten Fall dann doch ganz anders entschieden hätte?