Ein Grab, das ist ein Loch im Boden: Alexander Legniti im Portrait

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Wos?

„Auf’n Friedhof kemmen?“
A jeda schweigt betroffen.
Jo isch da Alex gstorbn
oda gor dasoffn?
Na, na! Der isch dort lei zum buggln.
Der tuat no ollweil ummanondazuggln!

(Alexander Legniti, 7. 8. 2012)

Wenn Alexander Legniti, Leiter der städtischen Friedhöfe Innsbrucks, erzählt, dass er 3.196 Gedichte geschrieben hat, kommt einem schnell die Phantasie, dass der 52-Jährige tagein tagaus mit Feder und Büchlein in der Hand hart arbeitend an einem romantisch-verwitterten Grabstein lehnt und an seinen Gedichten schreibt.

Tatsächlich wurde er aber so noch nie angetroffen. Man erkennt ihn aber trotzdem leicht: Stets trägt er stolz ein Amulett um den Hals, das die Himmelsscheibe von Nebra darstellt. So eilt er über seine Friedhöfe und sorgt auf ihnen tiefgreifend für Recht und Ordnung:

Grabordnung

Ein Grab, das ist ein Loch im Boden.

Alexander Legniti liest


Es hört zuunterst auf und startet oben.
Von dort lässt man den Sarg hinein.
Es kann ja auch nicht anders sein!
Ist man zuunterst angekommen,
wird eine Schaufel in die Hand genommen.
Dann wirft man einfach Erde drauf
und hört zuoberst damit auf.
Sodann pflanzt man die Rosen und auch Nelken,
oder Pflanzen, die nicht schnell welken.
Ein schöner Stein kommt obenauf,
und auf die Fläche schreibt man drauf:
Hier liegt z.B. Hans Dieter Lehner.
Man hofft, dort unten hat er’s schöner!

Neben den alltäglichen Verwaltungstätigkeiten, dem Budget und der Organisation der nötigen Erneuerungen und Umbauten kümmert sich Innsbrucks „oberster Totengräber“ mit besonderer Vorliebe auch um historische Friedhofsprojekte und um die Denkmalpflege, denn die Innsbrucker Friedhöfe sind schließlich letzte Heimat zahlreicher Persönlichkeiten und somit auch Kulturgut, das gepflegt werden muss.

Eigentlich ist der Herr Mag. Alex ja Biologe und beschäftigte sich in seiner Diplomarbeit mit dem klingenden Thema:Die Zelltypen in der Körperhöhle des Schlüpflings von Macrostomum hystricinum marinum mit besonderer Berücksichtigung der Myocyten und Stammzellen.“ (Für Nicht-Zoologen: Es geht grob gesprochen um den „Strudelwurm“.)

Als Biologe sieht er den Friedhof vor allem aber auch als grüne Lunge und als Lebensraum für Pflanzen, Tiere und Menschen. Der Friedhof ist nicht nur ein Ruhe-Raum für die Toten, sondern vor allem auch für die Lebenden. Legniti beobachtet nicht nur die ältere Generation, die dort die Gräber besucht und pflegt, sondern viele Innsbrucker und Innsbruckerinnen, die in der Atmosphäre der Friedhöfe Ruhe suchen: So trifft man am der Universität nahe gelegenen Westfriedhof so manchen Studenten an, der sich zum Lernen auf den lauschigen Friedhof zurückzieht.

Friedhofscafes nach Berliner Vorbild zu eröffnen, davon sei man derzeit zwar noch weit entfernt, angedacht habe Legniti ein solches Projekt allerdings schon, zumal der Friedhof ja auch Begegnungsort sein soll. Vorrangig sind derzeit aber die Neugestaltung der Aufbahrungsräumlichkeiten und die Adaptierung und Erweiterung der Friedhöfe für alternative und naturnahe Bestattungsformen.

Alexander Legniti wurde 1961 in Innsbruck geboren, war einer von 5 Kindern und besuchte nach der Volksschule 4 Jahre die Unterstufe am Franziskaner-Gymnasium in Hall und war im zugehörigen Internat untergebracht. Freiwillig wurde er damals Internatszögling, denn er stellte sich das Leben dort romantischer vor, als es dann in Wirklichkeit war. Vor allem der Mathematiklehrer hat ihm das Leben schwer gemacht und das, obwohl Legniti mathematisch immer sehr begabt war.  Das 4. Jahr absolvierte er dann schließlich an der Hauptschule Hötting und wechselte anschließend in den naturwissenschaftlichen Zweig des BORG Fallmerayerstraße. Hier begann er sich vor allem für Biologie, Mathematik, Geschichte und für die Malerei zu interessieren. Schon als Gymnasiast verfasste er erste Gedichte. Nach der Matura 1982 leistete Alexander 8 Monate Sanitätsdienst bei der „Mondscheinkompanie“ in Lienz und inskribierte 1983 Biologie an der Uni Innsbruck.

Von 1985 bis 1990 arbeitete er als Studienassistent am Institut für Zoologie bei Prof. Reinhard Rieger mit Forschungsschwerpunkten in Zytologie und Histologie. In dieser Zeit wirkte er bei 5 Forschungsprojekten und Publikationen mit, – seine Diplomarbeit blieb dadurch allerdings auf der Strecke. 1990 wechselte Legniti zum damaligen Umweltamt der Stadt Innsbruck und wurde Gründungsmitglied des Vereins der „Umwelt- und Abfallberater Tirol“. 1993 heiratete er und in den Jahren 1994, 95 und 96 kamen seine drei Kinder zur Welt. 2002 wechselte Legniti zum Meldeamt. 2003 bis 2010 war er neben seiner Tätigkeit im Meldeamt auch als Standesbeamter tätig und für Trauungen zuständig. Sein Studium verfolgte er in seiner raren Freizeit weiter, sprich in den Mittagspausen und an den Wochenenden. Legniti beendete es mit 44 Jahren, nach 44 Semestern im Jahr 2005. 2010 bewarb er sich für die Leitung der Innsbrucker Friedhöfe, tauschte somit das Heiraten gegen das Beerdigen ein und hat es bisher keinen Tag bereut. Studium, Beruf, Wechsel der Ämter und Tätigkeiten, Frau und drei Kinder, das klingt nach einem ausgefüllten Stundenplan.

Wann bleibt da Zeit für 3.196 Gedichte?

 „Man kann sehr viele Dinge tun und nichts bewirken. Man kann sehr viel bewirken und nebenbei noch viele Dinge tun. Jeder hat seine Hobbys, der eine mag Formel 1, der andere geht ins Theater oder zum Football.“ Und Alex schreibt eben seine Gedichte wie sie ihm gerade einfallen. Und das tun sie größtenteils „einfach so“, zum Beispiel um 3:00 Uhr in der Früh am Klo, im Wartezimmer beim Arzt oder wenn er im Stau steht. Trakl, Ringelnatz und der Dadaismus sind dabei seine Vorbilder. Allein im heurigen Kroatien-Urlaub entstanden 300 Gedichte: „Ich sehe meine Gedichte meist wie ein Foto vor mir, an manchen feile ich aber auch länger.“ Alles kann dabei zum Thema werden, je nach Erlebtem: Die Liebe und der Tod natürlich, aber auch Alltägliches wie zum Beispiel ein Gedicht, das beim Anblick seiner Wäscheleine im Urlaub entstand:

Freiwäsche

Die Wäsche, und zwar meine,
hängt an der Wäscheleine.
Sie flattert aufgeregt im Wind,
weil es doch ihre freien Stunden sind.
Ganz ohne Mensch kann sie so sein,
so wild und frei und ganz allein,
im parfümierten, sanften Duft,
in winddurchsauster freier Luft.

(Alexander Legniti, Premantura, am 18. 8. 2013)

Noch so eine Momentaufnahme ist das Gedicht Heuschreckenbein. Eine von einem Vogel zerlegte Heuschrecke, die, obwohl tot und völlig zerfressen, mit dem Fuß zuckte, veranlasste Legniti zu folgenden Zeilen:

Heuschreckenbein

Ein Heuschreck liegt zerteilt
vor unserem Haus.
Eine Wespe, die daran feilt,
holt sich Genießbares heraus.
Das Bein – es zuckt noch –
weil man es sieht.
Jedoch
ist es die Wespe, die am Muskel zieht.

(Alexander Legniti, Premantura, am 15.8.2013)

Für wen oder was schreibt Alexander Legniti eigentlich und vor allem warum?

Er schreibt einfach so, weil er es schon immer getan hat und ihm seine Gedichte großteils einfach erscheinen: Hast du Probleme, kannst du sie mit Gedichten aufarbeiten, erlebst du etwas Schönes, kannst du es durch sie dokumentieren“.

Als seine Kinder noch klein waren, schrieb er die Gedichte für sie und in dieser Zeit entstanden auch 9 Kinder- und Jugendbücher. Veröffentlicht wurden Legnitis Werke bislang noch nicht. Seine Friedhofslesungen sind zwar allseits beliebt, allerdings hat man den Eindruck, dass dem rastlosen Friedhofsdichter keine Zeit bleibt, sich um die Veröffentlichung zu kümmern. Das mit der Ruhe scheint überhaupt so eine Sache zu sein. Nachdem er keine botanischen Führungen mehr in Korsika anbietet, plant er neuerdings botanisch-historische Führungen in Innsbruck. Eine botanische Führung mit dem Titel „Auf den Spuren Alexander von Humboldts“ hat übrigens schon stattgefunden. Zur Ruhe kommen lässt den Tausendsassa wahrscheinlich erst der Tod. Wahrscheinlich aber nicht mal der! Und folgendes Gedicht aus seiner Feder zeigt wiedermal, dass man den Ich-Erzähler nicht mit dem Autor gleichzusetzen hat:

RIP

Dieser Stein bedeckt mein Grab,
damit ich endlich Ruhe hab.
Die Welt dort droben sei wie sie auch sei!
Hier unten ist’s mir einerlei.

(Alexander Legniti, Innsbruck, am 10.11.2010)

Eher schon kann man sich vorstellen, dass sich der Dichter mit folgenden Zeilen zu einem Vorsatz aufraffen wollte:

Grabspruch

Was wollt‘ ich alles lesen?
Was wollt‘ ich alles tun?
Die Zeit ist viel zu schnell gewesen,
und hier will ich jetzt nur mehr ruh’n:

(Alexander Legniti, Innsbruck, am 12.6.2010)

Wie auch immer, wir glauben’s ihm nicht, denn bei der ewg’en Ruh macht der Legniti sicher nicht mit.