Einen geliebten Menschen gehen lassen

Wer einen geliebten Menschen verliert, für den bricht die Welt zusammen. Denn wir definieren uns in großem Maße über unsere Bindungen zu Eltern, Partnern, Kindern. Doch wer trauert, wandelt sich. Trauer ist der stärkste Stress, den ein Mensch überhaupt erfahren kann. Indem wir unseren Verlust mit unendlicher Trauer ausdrücken und ihn gleichzeitig seelisch verarbeiten, wandeln wir uns. Trauer verändert uns und unsere Wahrnehmung. Wir gehen bewusster durchs Leben, legen vielleicht ganz andere Maßstäbe an unseren Alltag an, entwickeln einen Blick für das, was wir als wesentlich ansehen.

Jeder trauert aus seine eigene Art und Weise
Jeder Einzelne erlebt Trauer auf seine eigene Weise und in seinem eigenen Tempo. Die Trauer betrifft unsere Seele und den eigenen Körper. Viele Trauernde leiden unter Appetitlosigkeit, Schlafstörungen, Nervosität, tiefer Erschöpfung, Kopf- und Herzschmerzen. Das Immunsystem ist geschwächt und die Vitalität reduziert. Nach dem ersten Schock durchwandern Trauernde emotionale Ausnahmezustände auf verschiedenster Art. Tiefe Verzweiflung, Schmerz, Wut, Einsamkeit, Angst, Schuldgefühle, totale Hoffnungs- und Freudlosigkeit können dabei auftreten und aus uns herausbrechen.

Wenn die Verzweiflung nicht endet und einen festen Platz in unserem Alltag einnimmt
Früher galt das Trauerjahr als gesellschaftlich akzeptierter Zeitraum für das Abschiednehmen. Besonders um das Datum des ersten Todestags herum können Gefühle der Trauer bei den Hinterbliebenen noch einmal heftig aufbrechen. Es gibt bestimmte Voraussetzungen, die die Trauer erschweren und die Zeit des Trauerns stark verlängern können. Zu den Hauptrisikofaktoren für komplizierte Trauerverläufe gehören der Tod eines eigenen Kindes, ein plötzlicher Tod, mehrere Trauerfälle innerhalb kurzer Zeit und der Tod durch Suizid.

Wenn auch 13 Monate nach dem Todesfall die gleichen Emotionen herrschen wie kurz nach dem Verlust, spricht man von einer komplizierten Trauer oder verlängerten Trauerstörung. In diesem Fall lässt der tiefe seelische Schmerz einfach nicht nach und auch die Verzweiflung über den Verlust nimmt nicht ab. Der Trauernde hat eine Sehnsucht nach dem Verstorbenen, die nicht gestillt werden kann und empfindet nur noch für kurze Augenblicke Freude. Menschen, deren Trauer stark verlängert ist, haben in ihrer Kindheit oft unsichere Bindungen oder frühe Verluste erlebt. Viele hatten eine besonders enge und ausschließliche Bindung an den Verstorbenen.

Trauern ist überlebenswichtig
Der Mensch muss trauern. Nur der, der einen Verlust bewusst betrauert, kann wieder heil werden und irgendwann wieder am Leben teilnehmen. Der Schmerz über den Tod des Verstorbenen wird bestehen bleiben, aber der Schmerz verändert sich, er wird schwächer. Heute wird Trauernden nur eine kurze Zeit von der Gesellschaft zugestanden, bis erwartet wird, dass der Trauernde wieder funktioniert. Doch das sollte sich ändern. Denn wer seine Trauer verdrängt, wird vielleicht später von der Vergangenheit eingeholt.