„Töten Sie mich – oder Sie sind ein Mörder!“ Gedanken zur Sterbehilfe-Debatte

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Laut einer Telefonumfrage befürworten 62% der  befragten ÖsterreicherInnen  die freiwillige aktive Sterbehilfe. Das sind laut Med-Uni Graz um 13 Prozent mehr als noch im Jahr 2000. 30% sprechen sich dagegen aus und 8% sind unentschieden.

Zur Begriffsklärung

Grundsätzlich muss zwischen folgenden Varianten der Euthanasie unterschieden werden:

Nichtfreiwillige Euthanasie: Betroffene, welche artikulations- und entscheidungsunfähig sind, lässt man sterben, indem man aussichtslose lebensverlängernde Maßnahmen unterlässt oder den Tod aktiv durch eine Injektion herbeiführt. Die Entscheidung wird aus dem vermuteten Wunsch des Betroffenen und  von den Angehörigen getroffen.

 Unfreiwillige Euthanasie: Wenn entscheidungs- und artikulationsfähige Betroffene ohne ihre Zustimmung bzw. gegen ihren Willen durch passives Sterbenlassen oder aktive Tötung sterben oder wenn gegen das vermutete Interesse von entscheidungs- und artikulationsunfähigen Menschen gehandelt wird und diese passiv oder aktiv ums Leben kommen, spricht man von unfreiwilliger Euthanasie.

Freiwillige Euthanasie: Hier werden 3 Formen unterschieden

  • Passive oder indirekte Sterbehilfe: Von passiver oder indirekter Sterbehilfe spricht man, wenn aussichtslose lebensverlängernde Maßnahmen  eingestellt werden, so dass der Mensch sterben kann.
  • Indirekte aktive Sterbehilfe: Wird ein leidensminderndes Medikament verabreicht, bei dem eine lebensverkürzende Wirkung in Kauf genommen wird, ist die Sterbehilfe indirekt aktiv.
  • Direkte aktive Sterbehilfe: Bei der  direkten aktiven Sterbehilfe wird einem unheilbar Kranken der Wunsch auf Sterben erfüllt, indem der Arzt ein Mittel verabreicht, das den Tod herbeiführt.
  • Assistierter Suizid: Der assistierte Suizid ist eine Sonderform der direkten aktiven Euthanasie. Hier stellt der Arzt das tödliche Mittel bereit, den letzten Akt, das Öffnen der Infusion, ist dem Patienten überlassen, womit keine Fremdtötung durch den Arzt, sondern eine Selbsttötung durch den Patienten vorliegt

In Österreich sind aktive Sterbehilfe, assistierter Suizid und natürlich alle Formen unfreiwilliger Euthanasie gesetzlich verboten.  Freiwillige passive oder indirekte Sterbehilfe und nicht freiwillige passive Sterbehilfe, bei der aussichtslose lebensverlängernde Maßnahmen unterlassen bzw. eingestellt werden, wenn es im vermuteten Interesse des Betroffen liegt, werden praktiziert. Die vor kurzem neu aufgeflammte Diskussion dreht sich vor allem um das Thema der freiwilligen und aktiven Euthanasie.

Gegen die gesetzliche Zulassung von direkter aktiver Sterbehilfe sind jene, die Angst haben, dass dies zu Missbrauch führt und eine Einstiegsdroge in die unfreiwillige Euthanasie ist, bei der wehrlose Menschen, die uns „Platz“ wegnehmen und nichts mehr leisten können, ungefragt wegrationalisiert werden. Sie fordern daher eine gesetzliche Regelung, welche direkte aktive Sterbehilfe weiter verbietet, und ein Gesundheitssystem, das es uns ermöglicht, zu sterben, „wenn es Zeit ist“.

Der Tod ist kein Zeitpunkt, den wir festmachen können. Sterben ist ein Prozess, der mitunter schon Jahre vor der Feststellung des Individualtodes (auch „Hirntod“ genannt) beginnt, wenn z.B. keine heilenden Therapien mehr möglich sind. In diesen Prozess des Sterbens haben Menschen immer mehr Einfluss genommen, um das endgültige Ableben hinauszuzögern. Das ist verständlich. Entwickelt hat sich aber eine Medizin, die das Sterben als Scheitern betrachtet und es schwer akzeptieren kann. Wenn eine 94-jährige bettlägerige Patientin, welche seit Monaten über eine Magensonde ernährt wird, im Begriff ist zuhause einzuschlafen und dann vom Notarztteam noch einmal reanimiert wird, dann merkt man, dass wir nicht so sicher sein können, dass wir sterben dürfen, wenn es Zeit ist.

„Töten Sie mich – oder Sie sind ein Mörder!“ Mit diesen Worten forderte Franz Kafka seinen Arzt auf, ihm die versprochene letzte Morphiumspritze zu geben, weil seine Schmerzen unerträglich wurden. Er verlangte also nach indirekter aktiver Sterbehilfe. Sein Wunsch wurde ihm erfüllt: Es waren Kafkas letzte Worte.

Die Befürworter der aktiven Sterbehilfe fordern die gesetzliche Erlaubnis von freiwilliger direkter aktiver Sterbehilfe und assistiertem Suizid: Hier steht die Angst im Vordergrund, dass man im wehrlosen Zustand am Leben erhalten wird, auch wenn es schon lange Zeit ist zu sterben. Für sie ist die Vorstellung furchtbar, mit einer Magensonde, Windeln und Katheder versehen, täglich mehrmals umgelagert zu werden, um wundgelegene Stellen in Grenzen zu halten, weil man hilflos ist und einfach gar nichts mehr selber kann.

Wir können heute im gesunden Zustand niemals wissen, ob wir dann, wenn wir tatsächlich hilflos und entscheidungs- und artikulationsunfähig sind, nicht doch noch leben wollen. Insofern kann man niemals sicher sein, ob der Wunsch nach aktiver Sterbehilfe, der  in einer Patientenverfügung  festgelegt wurde, tatsächlich noch gültig ist, wenn der Ernstfall eintritt, argumentieren wiederum die Gegner.

Aber es kann doch auch nicht sein, dass zurechnungsfähige „austherapierte“ Menschen, welche ihr Leben beendet haben wollen, weil man ihre Beschwerden nicht in Griff bekommt, und welche einfach keine Qualität mehr am Leben erkennen können, die Pflicht haben weiterzuleben. Ein Recht auf Leben zu haben, bedeutet ja nicht, dass wir auch die Pflicht zu leben haben.

Meinen die Gegner: Kranke, die ums Sterben bitten, wollen in Wirklichkeit gar nicht sterben, es verbirgt sich hinter dieser Bitte lediglich der Wunsch nach Zuwendung und Linderung ihrer Beschwerden.

Die – häufig auch gegen den Willen der Betroffenen praktizierte – Verlängerung des Lebens um jeden Preis ist als „aktive und direkte Sterbe-Verhinderung“  ethisch genauso als problematisch anzusehen und zur Diskussion zu stellen wie die direkte aktive Sterbehilfe. „Der Preis für die verweigerte Anerkennung der freiwilligen Euthanasie ist sehr häufig Dysthanasie, das heißt ein schlechter Tod“, bringt es Elmar Waibl, Professor  für Philosophie  mit dem Forschungsschwerpunkt Ethik an der Universität Innsbruck, in einer Gegenüberstellung von Pro- und Contra-Argumenten auf den Punkt.

In der öffentlichen Diskussion um das Thema der freiwilligen aktiven Sterbehilfe scheiden sich die Geister und die 8%, die laut der neuesten Telefonumfrage keine klare Position beziehen wollen, haben es vielleicht erkannt: Ethisch betrachtet bleibt die Debatte um die aktive Sterbehilfe ein Dilemma – weder die eine noch die andere Position ist unproblematisch.

Wie auch immer man dazu steht: Es ist wichtig, dass die öffentliche Debatte weitergeführt wird, und das Ziel muss eine auf ethischen Grundlagen basierende klare gesetzliche Regelung sein, welche das Risiko von Missbrauch auf beiden Seiten so gering wie möglich hält.

Dr. Christine Pernlochner

Literatur:

Elmar Waibl: Grundriss der Medizinethik für Ärzte, Pflegeberufe und Laien. LIT-Verlag, Münster 2004.

In übersichtlicher und verständlicher Weise vermittelt das Buch dem Leser alle Voraussetzungen, sich kompetent und kritisch an der Diskussion zu beteiligen. Zugespitzte Pro- und Contra-Gegenüberstellungen erleichtern die Orientierung in schwierigen Entscheidungsfragen, die uns alle bedrängen.