Gesunder Umgang mit der Angst

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Angst macht SinnAngst ist ein dem Menschen angeborenes Gefühl mit Entstehungsort im Limbischen System. Angst ist ein Gefühl mit Schutzfunktion, ein Warnsignal. Wenn wir in eine für uns bedrohliche Situation kommen, löst Angst ein Bedürfnis nach Vermeidungsverhalten aus und schützt uns so vor Gefahr. Sie dient der Selbsterhaltung und ist so gesehen ein biologisch angelegtes, sinnvolles Reaktionsmuster.

Die typischen Angstreaktionen (Zittern, Schweißausbrüche, Herzrasen, erhöhte Atemfrequenz etc.) werden vom vegetativen Nervensystem gesteuert und sind somit nur sehr schwer willkürlich zu beeinflussen.






Man unterscheidet im Allgemeinen fünf typische Angst auslösende Situationen:

  1. Angst vor realer Gefahr, Bedrohung
  1. Angst vor Unvermeidbarem
  1. Angst vor Schwäche, Verlust von Ansehen
  1. Angst vor Neuem und Fremdem
  1. Angst vor Kontrollverlust

Darüber hinaus kann Angst auch vor an sich nicht bedrohlichen Gegenständen oder Situationen erlernt werden, wie z.B. die Angst vor Mäusen oder Spinnen (meist ist Angst hier mit Ekel vermischt). Und in Fällen von „irrationaler“, also an sich „unvernünftiger“ und pathologischer Angst, kann Angst natürlich verlernt oder abtrainiert werden. Wenn eine Spinnenphobie ein so starkes Vermeidungsverhalten auslöst, dass man nicht mehr vor die Tür gehen kann, dann ist ein Verlernen dieser Angst sogar notwendig.

Menschen, die beruflich oder privat mit Krankheit, Sterben und Tod konfrontiert sind, sind tagtäglich auch mit den typischen 5 Angst auslösenden Situationen konfrontiert. Der richtige Umgang mit diesen Ängsten ist eine Gratwanderung zwischen Zulassen und Abwehren: Sich seiner Ängste bewusst sein, bedeutet, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, um sie zu bewältigen, zu reduzieren oder ihren Sinn zu verstehen. Aber auch Abwehr muss erlaubt sein, weil dauernde Angst nicht erträglich ist. Das permanente Abwehren und Verleugnen von Ängsten bringt letztlich aber nichts, weil dadurch Bewältigung oder gesunder Umgang vermieden wird.

Die Angst vor den Toten

Wenn ein Toter auch niemandem mehr etwas tun kann, so ist die Angst vor dem Leichnam und damit die Angst vor dem Tod, eine normale und sehr verständliche Reaktion auf mindestens drei der typischen Angst auslösenden Situationen: der Tod ist eine reale Bedrohung, er ist unvermeidbar und er ist etwas Neues und Fremdes. Man könnte sogar sagen, dass man als Toter „sehr schwach“ ist, weil man gar nichts mehr machen kann, außerdem verliert man insofern an Ansehen, als man rein rechtlich zu einer Sache, zu einem Gegenstand ohne Rechte und Pflichten wird, der schnell weg muss.

Tipps im Umgang mit der  Angst

Angst ist völlig normal

Man kann Ängste nicht loswerden. Ängste informieren uns über Bedürfnisse und sie warnen uns vor gefährlichen und bedrohlichen Situationen, insofern sind sie sehr wichtig. Zu bewältigen oder zu reduzieren sind Ängste nur, wenn man sich ihnen stellt und nicht davonläuft. Das gilt natürlich nur für Situationen, die nicht wirklich lebensbedrohlich sind.

Die Gedanken beobachten

Wenn wir Angst haben, neigen wir zu katastrophierenden Gedanken, die zu bizarren Phantasien werden können. Wir neigen dann dazu, die Wirklichkeit auch in dieser bizarren Art und Weise wahrzunehmen.

Beobachten, wie es wirklich ist

Wenn wir von Angst erfüllt sind, sehen und hören wir nur noch das, was unsere katastrophierenden Gedanken bestätigt (selektive Wahrnehmung). Unsere Gedanken, Phantasien und Wahrnehmungen sollten wir dann kritisch und an der Realität prüfen.

Die Angst zu Ende denken

und sich überlegen, was das Schlimmste sein könnte, das passieren könnte. In den allermeisten Fällen, ist dies eine recht unangenehme Situation, die sich aber mit der Zeit wieder gibt. Z.B. eine Blamage, weil man sich nicht geschickt anstellt, Fehler macht oder Schwächen zeigt. Dieser Zustand würde eine kurze Zeit anhalten, dann aber vorübergehen. Vielleicht würde man sogar in Ohnmacht fallen? Das ist unangenehm und auch peinlich, aber letztendlich auch schnell vorbei. Schlafstörungen könnten sich einstellen, aber auch sie vergehen wieder. Etc.

Sich dem stellen, wovor man Angst hat

Wenn man davonläuft, wird die Angst nicht weniger, sondern eher mehr. Wenn die Situation, vor der man sich fürchtet, nicht wirklich gefährlich ist, dann kann man sich einer solchen Situation ruhig stellen. Man überschreitet damit eine Grenze und wächst über sich hinaus. Es tut sich etwas Neues und am Ende fühlt man sich gut.

Aber: Nicht übertreiben!

Auch wenn man ins kalte Wasser springen will, muss man es nicht übertreiben. Wenn man sich nach dem Sprung ins kalte Wasser lange Zeit elend und erschöpft fühlt, dann hat man sich zuviel zugemutet. Der nächste Schritt muss dann kleiner bemessen sein.

Nicht alles auf einmal!

Nichts erzwingen, sich Zeit lassen und kleine Schritte machen.

Unterstützung suchen

Wenn man große Angst hat, dann sollte man sich Unterstützung suchen, um nicht als Einzelkämpfer ganz alleine mit allem fertig werden zu müssen.

Ich muss nicht perfekt sein

„Du darfst keine Fehler machen!“ Dieser Satz ist ganz tief in uns verwurzelt, besonders in Bereichen, in denen mit Menschen gearbeitet wird. Fehler sind aber gerade hier unvermeidlich. Man sollte sich seiner Grenzen bewusst sein und auch die Grenzen des eigenen Könnens offen legen. Fehler können zugegeben werden, wenn klar ist, dass Fehler menschlich sind. Kritik an Fehlhandlungen kann man als etwas sehen, das die Selbstwahrnehmung differenziert und erweitert.

Im Umgang mit Sterben, Tod und Angehörigen sind Ängste normal

Hilfreich ist eine Atmosphäre in Team und Familie, die es erlaubt, diese Ängste offen auszusprechen.

Schwarzer Humor

Entlastungsfunktion hat auch Schwarzer Humor. Er ist in Ordnung, so lange er nicht einzige Bewältigungsstrategie bleibt.

Belastungsstörungen

Belastungsstörungen (Schlafstörungen, Ängste, Vermeidungsverhalten, Träume, etc.) sind Reaktionen auf traumatische Erlebnisse, die an sich normal sind, einfach weil es normal ist, auf Belastungen mit Symptomen, mit Störungen zu reagieren. Trotzdem sollte man gegen diese Störungen etwas unternehmen, um eine Chronifizierung der Symptome zu verhindern und um mit der Zeit am „normalen“ Leben wieder teilnehmen zu können, sich wieder freuen zu können. Die Maßnahmen gegen diese Störungen können unterschiedlich sein. Nicht jeder braucht einen Psychologen oder Psychiater dazu. Die Familie, der Freundeskreis können ebenso helfen, sofern sie nicht selbst belastet, hilflos und überfordert sind. Wichtig für die Bewältigung der Traumatisierung und der Symptome ist aber die aktive Auseinandersetzung mit dem Ereignis, den dadurch eingetretenen Veränderungen, den Gefühlen etc.
Wer psychologische Hilfe in Anspruch nimmt, ist deshalb aber nicht „gestört“ oder „verrückt“. Dass man in belastenden Berufen Belastungs¬¬symptome entwickeln kann, ist wie gesagt eine „normale“ Reaktion darauf. Wer aufgrund dieser normalen Belastungssymptome professionelle Hilfe aufsucht, ist nicht verrückt oder krank, sondern sehr vernünftig und gesund.
Auch jemand, der tatsächlich psychisch erkrankt und deshalb professionelle Hilfe in Anspruch nimmt, ist nicht verrückt. Er ist krank und lässt sich helfen. „Verrückt“ wäre es, sich im Krankheitsfall nicht helfen zu lassen.

Fachspezifische und psychologische Fortbildungen machen kompetenter und man fühlt sich in der Folge auch (selbst)sicherer. Kompetenz und Selbstsicherheit sind sehr wichtig für die psychische Gesundheit in belastenden Berufen.

Regelmäßige Supervisionen helfen, um über spezielle und individuelle Belastungen, Vorkommnisse, auch Probleme im Team etc. sprechen zu können. Supervisionsangebote sollten daher auch angenommen werden.

Buchtipp:

Boessmann, U. /Röder, W.: Krisenmanagement für Pflegeberufe. Problemstellungen und Lösungsstrategien. Hippokrates, Stuttgart 1998.

Dr. Christine Pernlochner-Kügler