Herzbestattung: Hintergründe einer bizarren Habsburger-Tradition

Wiener Pompfüneberer
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Wiener Pompfüneberer
Wiener Pompfüneberer um 1910. Foto: Bestattung Wien

Otto von Habsburg-Lothringen verfügte vor seinem Tod, sein Herz möge in Ungarn beigesetzt werden. Dass das Herz des verhinderten Kaisers zur Hälfte auch für Ungarn geschlagen hat, verwundert nicht, dass allerdings ein Mann des 20. und 21. Jahrhunderts die habsburgische Tradition der vom übrigen Leichnam getrennten „Herzbestattung“ ausdrücklich wünschte, darf heutzutage durchaus bizarr wirken, zumal sie aus thanatologischer Sicht zudem unnötig ist.

Das Herz des Menschen wurde seit Menschengedenken als zentrales und wichtiges Organ erkannt, welches nicht nur für das Leben und den Charakter steht, sondern symbolisch auch für die Liebe. Auf starke Emotionen reagiert auch das vegetative Nervensystem: „Herzklopfen“ ist ein typisches Symptom in emotional aufwühlenden Situationen und Zuständen. Wir spüren es, wenn wir unter Stress sind, wenn wir Angst haben, starke Trauer uns überschwemmt, aber eben auch, wenn wir verliebt sind. Das Konzil von Vienne entschied 1311 zwar, dass die Seele nicht nur im Herzen, sondern im ganzen Körper des Menschen beheimatet ist, dennoch fanden weiterhin Herzbestattungen statt und dieser Brauch erreichte sogar erst im 17. Jahrhundert seinen Höhepunkt.

Heute noch ist das Herz nach der antiken Vorstellung Sitz der Seele und der Liebe. Die Lyrik ist voll von pochenden Herzen Liebender. Das rote Herz-Symbol hat sich weltweit als Piktogramm durchgesetzt und ist neben dem Kreuz auch das weltweit meist verwendete nichtgeometrische Symbol. „Der Wunsch das Herz möge nach dem Tod an einem Ort bestattet werden – ja vielleicht sogar weiterleben -, der dem Verstorbenen besonders viel bedeutete oder ihm besonders lieb war, führte zu dem merkwürdigen Brauch der getrennten Herzbestattung. Sie war bei den Mächtigen und Reichen, vor allem im Abendland, über viele Jahrhunderte üblich“, erklärt der Kardiologe Armin Dietz den Ursprung der Herzbestattung in seinem Buch „Ewige Herzen – Eine Kulturgeschichte der Herzbestattungen.“

Susanne Hahn, Medizinerin und Historikern sieht den Ursprung der aus dem Mittelalter stammenden Herzbestattung zunächst ganz praktisch: Oft war zum Beispiel in den Kreuzzügen ein weiter Transport von Verstorbenen aufgrund der Verwesung nicht möglich und man entschied sich wenigstens das Herz an den Ort heimzuführen, dem der Mensch am meisten verbunden war. „Vor allem aber waren es auch religiöse Vorstellungen, das eigene Herz nach dem Tod als Weihe darzubringen und dem göttlichen Herzen besonders nahe zu sein.“ Und so wurde das Herz Verstorbener häufig auch an heiligen Stätten als Zeichen der bedingungslosen Hingabe beigesetzt, beschreibt Susanne Hahn die Bedeutung der Herzbestattung.

Hans Bankl, Pathologe aus St. Pölten und Buchautor, hat sich zu seinen Lebzeiten († 2004) mit der Behandlung des Leichnams von Mitgliedern des ehemaligen österreichischen Kaiserhauses  beschäftigt: Die meisten Mitglieder des ehemaligen Kaiserhauses wurden balsamiert oder konserviert. Die Balsamierung war die althergebrachte Methode, bei der der Körper ähnlich wie bei den ägyptischen Mumien durch Behandlungen mit Salzen, Laugen und ätherischen Ölen ausgetrocknet wurde. Um die Verwesung optimal aufzuhalten, wurden vor dem Verfahren der Austrocknung die inneren Organe mittels einer Sektion entnommen. Das Herz wurde gesondert in einem Silberbecher im „Herzgrüftl“ der Wiener Augustinerkirche beigesetzt. Die übrigen Eingeweide kamen in Metallbehältern in die alte Herzogsgruft der Katakomben im Stephansdom.

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Buch-Cover

„Techniken und durchführende Personen der Herzentnahme waren im Lauf der Jahrhunderte unterschiedlich“, beschreibt Armin Dietz den Eingriff auf meine Anfrage in einem Mail:

„Die Herzbestattung hat sich ja aus der Eingeweidebestattung entwickelt, das heißt, im Mittelalter wurden meist Brust- und Baucheingeweide entnommen, unter anderem auch um die Verwesung des Körpers zu verlangsamen. Die Brusteingeweide (Precordia) wurden meist durch ein längs aufgeschnittenes Brustbein, die Baucheingeweide (Viscera) durch einen weiteren Längsschnitt vom Schwertfortsatz zum Schambein entfernt. Im gesamten Mittelalter (Sektionen waren in der scholastischen Medizin verboten) machten das die Mönche, die den Sterbenden begleitet hatten, oder Laien aus dem Gefolge des Verstorbenen, nach Genehmigung der Sektion durch die Kirche, die Ärzte, aber auch die Chirurgen und die Bader. Bei den Habsburgern waren das die zum Teil renommierten Ärzte der Wiener Universität, ab dem 19. Jahrhundert die Pathologen. Die Körper hochgestellter Personen wurden ja zum Teil tagelang auf dem „Castrum doloris“ – einem geschmückten hölzernen Trauergerüst – aufgebahrt, sodass nach der Autopsie eine Einbalsamierung unerlässlich war. Die bisher letzte Herzbestattung war die von Kaiserin Zita, ihr Herz wurde in der Pathologie in Chur, in der Schweiz entnommen.“

Das Verfahren der Austrocknung wurde dann in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts durch die Konservierung abgelöst, dabei wird Formaldehyd durch Eröffnung einer Arterie in den Kreislauf eingebracht. Das Verfahren der Konservierung machte das Ausweiden der Verstorbenen an sich unnötig. Kaiser Franz Joseph wurde zum Beispiel „nur“ konserviert. Kaiserin Zita entschied sich offensichtlich aus traditionellen und symbolischen Gründen dennoch für eine getrennte Bestattung ihres Herzens, obwohl die Entnahme der inneren Organe und Eingeweide nicht nötig war. Und so auch ihr Sohn Otto. „Mit der Vollstreckung des Wunsches des Verstorbenen, der damit dem Beispiel einer alten dynastischen Tradition folgte, dürfte ein bizarres Bestattungsritual zu Ende gehen, das eindrucksvoll den Mythos des Herzens in der europäischen Kulturgeschichte repräsentiert“, lautet Armin Dietz Prognose, womit er vermutlich recht hat.

 

Quellen:

  • Armin Dietz: Ewige Herzen. Kleine Kulturgeschichte der Herzbestattungen, München 1998.
  • Hans Bankl und Susanne Hahn, in: Norbert Stefenelli (Hg.): Körper ohne Leben. Begegnung und Umgang mit Toten. Wien, Köln, Weimar 1998.