Indiviualität im Leben und im Tod

© Stefan Kunze / Unsplash
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Das kleine Ich bin Ich


Aber dann …

Aber dann bleibt das Tier mit einem Ruck, mitten im Spazierengehen,
 mitten auf der Straße stehen, und es sagt ganz laut zu sich: 
“Sicherlich gibt es mich:
 ICH BIN ICH!“

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Manch eine/r unter uns sieht die politischen Entwicklungen in der Welt mit großer Sorge. Da wird nicht von individuellen Menschen gesprochen, sondern von „den Ausländern“, „den Arbeitslosen“, „den Autofahrern“, „den Österreichern“. Das bedeutet einen Abbruch der Individualität im Leben. Nur weil ich Österreicherin bin, bin ich doch nicht nur eine von 8.000.000. Ich bin Ich, einzigartig, unverwechselbar und unaustauschbar. Das Recht auf Individualität ist ein großes Gut, das ich nicht verlieren möchte. Nicht im Leben und nicht im Tod.

Vor ein paar Jahrzehnten noch genügte es zu wissen: „Ich bin der Sohn/die Tochter von …“ Und schon war allen klar, von wem geredet wird. Vielleicht auch noch den Beruf des Vaters übernommen, ohne viele Möglichkeiten aus den Ansprüchen der Familie austreten zu können. Das Leben war vorbestimmt durch die Geburt in einen Ort, eine Familie. Den Satz: „Wem gehörst denn du?“, hören Kinder und Jugendliche auch heute noch manchmal. Auch wenn die Entscheidungen freier wurden.

Viele Jahre waren nötig, sich aus diesem Einheitsleben zu befreien. Heute haben Menschen vielfältige Möglichkeiten. Egal aus welcher Familie sie kommen, welche Berufe ihre Eltern ausüben und „wem sie gehören“. Manche Kinder antworten ganz kess „Ich gehöre mir!“. Diese Entwicklung betrifft das Leben der Menschen in allen Bereichen: berufliche Entwicklung, familiäres Leben, Freundschaften, in der freien Gestaltung des Lebensentwurfs.

Individualität bedeutet „Ich sein“ zu dürfen und mich immer mehr zu meinem Ich hin zu entwickeln. Das kann nur im Zusammenleben mit Menschen gelingen. Ich brauche andere, um Ich zu werden. Ich brauche Vergleiche und Abgrenzungen. Ich muss beobachten können und üben dürfen, wie und wer ich sein kann. Auch wenn ich Ich bin, bin ich immer im Austausch mit anderen: In der Liebe, im Beruf, im Freundes- und Kollegenkreis, im Verein, beim Sport, beim Autofahren und im Bus.
Manche Menschen kann ich meiden, wenn unsere Ideen vom Leben so auseinandergehen, anderen bin ich ausgesetzt und die Grenzen müssen gewahrt werden – von beiden Seiten. Und manchmal führt kein Weg daran vorbei, sich von Menschen zu trennen.

Das „Ich sein“ hat seine Grenzen, dort wo die Freiheit des Anderen beginnt. Im Leben und im Tod.

Wenn ich mein Leben nach meinen Grundsätzen und Prinzipien, mit meinen Vorlieben und Ideen gelebt habe, dann möchte ich auch im Tod nicht eine von Vielen sein. Ich möchte eine Verabschiedung, einen letzten Ruheort der mir entspricht. BestatterInnen sind bemüht, diese Vorstellungen von Angehörigen und Verstorbenen zu hören und umzusetzen. Auch im Tod sind die Möglichkeiten schon vielfältiger. Nicht alle werden beerdigt im Sarg und nicht alle werden verbrannt, nicht alle werden auf dem Gemeindefriedhof beigesetzt, sondern es gibt Waldfriedgärten, Seebestattungen und auch die Verstreuung der Asche ist an manchen Orten der Welt möglich. Es kann nicht nur die Art der Verabschiedung, sondern auch die Art der letzten Ruhestätte gewählt werden.

Das ist ein großer Zuspruch an die Individualität. Und doch soll auch im Tod das ICH bin ICH die Grenze in der Freiheit des Anderen anerkennen. Wenn die Trauer der Hinterbliebenen vermieden oder verstärkt würde, ist zu überlegen wie die Individualität des Verstorbenen und die Individualität der Hinterbliebenen gemeinsam eine stimmige Möglichkeit finden. Dabei können einfühlsame BestatterInnen helfen.

Von Astrid Bechter-Boss