Klein und still geboren – sichtbar in Erinnerung: Unsere Sternenkinder

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Aspetos-Gedenkseite für Kinder und Jugendliche

Kinder, die still geboren werden, werden liebevoll “Sternenkinder” genannt. Das sind alle Kinder, die unabhängig von der Schwangerschaftswoche vor, während oder kurz nach der Geburt versterben. Auch Kinder, die durch einen Schwangerschaftsabbruch das Licht der Welt nicht erblicken konnten, sind Sternenkinder, selbst wenn nur ein Punkt auf dem Ultraschall erkennbar war.

Bis in die 1990er Jahre hinein wurde die Trauer von Sternenkind-Eltern nicht ernst genommen. Frühgeburten, also Kinder, welche mit unter 500 Gramm Geburtsgewicht tot zur Welt kommen, wurden im medizinischen Müll entsorgt, ohne den Eltern die Möglichkeit zum Begrüßen und Verabschieden des Kindes zu geben. „Aus den Augen – aus dem Sinn“, lautete die Devise. Man dachte, dass man die Eltern durch den Anblick des toten Kindes traumatisieren würde. Aber auch Kinder mit über 500 Gramm, so genannte „Totgeburten“, wurden schnell weggebracht und sehr oft einem fremden Verstorbenen „beigelegt“.  Das heißt, dass ein tot geborenes Baby in der Prosektur des Krankenhauses anonym zu einem Verstorbenen in den Sarg gelegt und mit ihm in einem fremden Grab beigesetzt wurde. Die Familie des Verstorbenen wurde weder gefragt noch von der Beilegung in Kenntnis gesetzt und die betroffenen Eltern stimmten der Beilegung zwar zu, bekamen aber keine Informationen, auf welchem Friedhof und in welchem Grab ihr Kind beigesetzt wurde. Heute noch rufen mich Mütter von Kindern an, die vor 30 oder 40 Jahren tot zur Welt gekommen sind. Sie sind immer noch auf der Suche nach dem Grab, in dem ihr Kind liegt. Natürlich gibt es weder in den Krankenhäusern noch bei den Bestattungsinstituten Aufzeichnungen über diese weder rechtlich noch ethisch vertretbare Bestattungspraxis der damaligen Zeit.

Inzwischen wissen wir – egal in welcher Schwangerschaftswoche  Mütter sind und egal wie „klein“ ein solches Lebewesen ist – die Devise „aus den Augen, aus dem Sinn“ funktioniert nicht. Durch die Verhinderung des Abschiednehmens und die Anonymisierung von Beisetzung und Grabstätte wurden diese Kinder letztlich nicht als menschliche Lebewesen mit Erinnerungswert anerkannt. Die Schlussfolgerung war, dass sie auch keine Bestattung und Trauerfeierlichkeiten brauchen und entsorgt werden können. Damit wurde den Eltern auch kein wirklicher Verlust und keine Trauer zugestanden. Es wurde verlangt, das Erlebte schnell zu vergessen und den Verlust durch Vergessen zu bewältigen. Ein fataler Fehler, der Folgen nach sich gezogen hat: Oft leiden gerade diese Mütter bis an ihr Lebensende an einer Trauer, die sie nie zeigen durften und die blockiert blieb. Trauer wird dann chronisch und existiert verdeckt weiter, sie entwickelt sich schließlich zu einer Depression oder führt zu anderen psychischen und körperlichen Erkrankungen. Sicher, man wollte diesen Eltern Bestattungskosten und Grabmieten ersparen, die Rechnung der Trauerarbeit blieb dadurch aber offen und nicht selten floss viel Geld in Medikamente und Therapien oder – im schlimmeren Fall – in Selbstmedikation mittels Alkohol.

Selbst wenn die Schwangerschaft in einem sehr frühen Stadium endet und noch gar kein Körper erkennbar ist, reagieren die meisten Mütter mit Trauer. Auch Mütter, die sich für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden, trauern und haben ein Recht auf diesen Bewältigungsprozess. Für Eltern, besonders für Mütter, war da ein Kind und dieses Kind kann nicht einfach vergessen werden. Das bewusste Abschiednehmen, das Gestalten der Trauerfeier für diese Kinder, fördert den Start dieses Trauerprozesses. So können sich Eltern ein Bild von ihrem Kind machen, es begrüßen, in den Armen halten, ihm einen Namen geben und wenn möglich ein Foto und einen Fußabdruck nehmen. Liebevoll wird mit der ganzen Familie begrüßt und Abschied genommen. Alles Dinge, die für das Erinnern wichtig sind.  Der Körper des Kindes kann leichter bestattet werden, weil die konkreten Erinnerungen bewusst behalten werden. Damit fällt der Weg durch die Trauer leichter, nicht schwerer.

Dass Sternenkindern ein Platz in der Familie gegeben wird, dass das Erinnern an diese Kinder nicht mehr als „krank“ gilt, sondern als selbstverständlich, ist heute zur Normalität geworden. Kinder werden nicht mehr entsorgt oder anonym beigelegt, sondern in Kinder-Sammelgräbern beigesetzt oder auch – wie größere Kinder und Erwachsene – individuell in einem eigenen Grab oder im Familiengrab bestattet. In Deutschland können seit  Mai 2013 sogar alle Sternenkinder – unabhängig von Gewicht oder Schwangerschaftswoche – ins Stammbuch am Standesamt eingetragen werden. In Österreich bekommen nur Totgeburten einen Eintrag. Für Frühgeburten mit unter 500 Gramm Gewicht gibt es keine Beurkundung, wodurch die Existenz dieser Kinder amtlich nicht anerkannt wird.

Für ASPETOS ist jedes Kind unabhängig von der Schwangerschaftswoche ein Mensch, an den man sich erinnern darf, denn die Verarbeitung eines Verlustes liegt nicht im Vergessen, sondern darin, in der Familie und in der Erinnerung einen Platz für das verstorbene Kind zu schaffen. Eltern sind herzlich eingeladen ihrem kleinen Sternenkind bei uns auf ASPETOS eine Gedenkseite einzurichten: Sternenkinder haben – wie alle anderen verstorbenen Kinder – Platz auf unserer eigens für verstorbene Kinder und Jugendliche eingerichteten Erinnerungsseite. Anstelle des erreichten Alters steht unter ihrem Namen „Sternenkind“. Dies geschieht automatisch, wenn Geburts- und Sterbetag auf dasselbe Datum fallen. An dieser Stelle darf ich besonders auch Eltern, die ihr Kind schon vor langer Zeit verloren haben, einladen, ihrem Kind hier einen Platz zu geben. Gerade, wenn das Grab, in dem ihr Kind liegt, unbekannt ist, kann hier ein Gedenkort geschaffen werden!