Krisen – die dunklen Seiten des Lebens

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Pixelo - Martin Schemm
Pixelo – Martin Schemm
Wie das Leben eben spielt – Veränderungskrisen

Veränderungen in unserem Leben lösen nicht selten Krisen aus. Kein Mensch kann dies verhindern. Krisen sind uns sozusagen „angeboren“, denn die Entwicklung des Menschen bedeutet laufend Veränderung und somit sind Krisen vorprogrammiert. Sogenannte „Veränderungskrisen“ sind Lebensveränderungen, mit denen große Umstellungen einhergehen. Es sind Krisen, die das Leben mit sich bringt und gleichzeitig Höhepunkte unserer Entwicklung, an denen wir reifen, wenn wir deren Konflikte bewältigen.
Es beginnt mit der Geburtskrise: Etwas, das so groß ist wie eine Melone, muss durch etwas hindurch, das so groß ist, wie eine Zitrone – und das tut weh! Und da ja das Kind nicht versteht, was vor sich geht, verstärkt die Angst den Schmerz zusätzlich. Kaum ist es geschafft, verändern sich Helligkeit, Temperatur, Raumempfinden ¬– einfach alles! Ach ja, und: Selbständig atmen nicht vergessen!

Weiter geht es mit der 8-Monats-Krise (dem „Fremdeln“), dann kommt das Trotzalter, welches für die Bildung des eigenen Willens, der Ich-Identität und des Person-Verständnisses wichtig ist, gefolgt ca. 3 Jahre später von der 6-Jahres-Krise.

Die 6-Jahres-Krise wird von den meisten Eltern als krisenhafte Zeit übersehen. Die meisten Kinder freuen sich vorerst über den Schuleintritt und sind motiviert. Aber es müssen auch neue Fertigkeiten gelernt werden, die sich nicht nur in Schulfächern wie Mathematik, Deutsch und Sachunterricht beschreiben lassen. Ruhig sitzen, sich längere Zeit auf etwas Vorgegebenes konzentrieren und Zuhören statt Drauflosblabbern sind neu und schwierig, nicht selten aber auch frustrierend, vor allem, wenn man sich in einem Fach nicht so leicht tut. Aber auch körperlich gibt es große Veränderungen: Man wächst schneller in die Länge, die Proportionen verändern sich, die Zähne fallen aus, bei vielen wird die Zahnspange eingesetzt. Gerade Zahnwechsel und Zahnspange sind häufig mit sehr gemischten Gefühlen verbunden.

Nach der Volksschule folgt die Pubertät, sie bedeutet hormonelle, körperliche und soziale Veränderung. Aufgrund kalorienreicherer Ernährung, sexueller Stimulation durch neue Medien, überhaupt freierem Umgang mit Sexualität und anderen gesellschaftlichen Phänomenen beginnt sie immer früher, überfordert die frühreifen Kids mehr denn je und dauert länger.

Mit der Pubertät ist die Entwicklung des Menschen nicht vorbei. Es folgen der Beginn des Erwachsenen- und Erwerbslebens, der Auszug aus dem Elternhaus, eventuell weitere Umzüge und Wohnortswechsel und schließlich Partnerschaft und Familiengründung. Kinder zu bekommen ist nicht nur schön, es bedeutet auch eine große Umstellung, viel Verantwortung, finanzielle Umgestaltung und nicht zuletzt viele schlafgestörte Nächte. Sehr häufig finden im Erwachsenenalter heute ein oder mehrere Berufswechsel statt, nicht selten auch Trennungen oder Scheidung. Kaum hat man sich einigermaßen stabilisiert und einen Job, vielleicht sogar eine stabile Beziehung kommt die Midlife-Crises in den 30ern oder 40ern: Man merkt, dass man älter wird und es stellt sich die Frage: Und das war‘s? Geht das jetzt in diesem Trott weiter bis zur Pensionierung? Was ist der Sinn?

Zwischen dem 35. und dem 40. Lebensjahr merkt man Veränderungen am eigenen Körper, denn das Bindegewebe wird merkbar schlaffer. Es treten nicht selten erste gesundheitliche Probleme auf und in Familie, Bekannten- und Freundeskreis beginnt es zu bröckeln: Da gibt es nicht nur mehr Trennungen und Scheidungen als Hochzeiten, nein, es sterben die ersten Leute weg.

Mit 50 hat man es geschafft oder auch nicht. Das Thema Pensionierung wird konzentrierter verfolgt und irgendwann ist es dann soweit: Befürchtet oder herbeigewünscht, eine Umstellung und eine krisenhafte Lebenssituation ist die Pensionierung immer, denn es wird klar und spürbar: Auch wenn man sich gut hält, man ist nicht mehr „fit“, man ist „rüstig“. Und mit diesem Begriff wird klar: Das Alter hat begonnen, Veränderung heißt hier auch „Abbau“ und damit rückt das Ende näher heran.

Veränderungs- und Entwicklungskrisen sind uns nicht immer bewusst, sie können natürlich durchaus auch positiv erlebt werden, nicht selten lösen sie aber Krisen aus, weil jede Veränderung ein neues Selbstkonzept, neue Verhaltensmuster und Problemlösungsstrategien erfordert; all das muss aber in der neuen Situation erst entwickelt werden.

Monster in unserem Leben – Traumatische Krisen

Neben den Veränderungskrisen, die das Leben ohnedies für uns alle bereithält, gibt es sehr häufig auch traumatische Krisen. Unter einem Trauma versteht man ein plötzliches, einschneidendes und schmerzliches Ereignis, das in das Leben eines Menschen einbricht  – wie Unfall, Krankheit, Tod, Ehebruch, Missbrauch, Gewalt, Großschadensereignisse, Naturkatastrophen.

Ein solches Ereignis führt oft auch zu einer Veränderungskrise, denn nach einem traumatischen Ereignis hat sich das Leben verändert und für dieses neue Leben müssen wieder neue Strategien erlernt werden.

Krisen selbst sind keine Krankheiten, es sind aber belastende Lebensumstände. Wenn wir sie bewältigen, stellen sie einen wichtigen Teil unserer Entwicklung dar, wir können an ihnen zerbrechen oder wir reifen an ihnen. Der Betroffene sieht sich in einer ausweglos erscheinenden Situation, für die er im Moment keine adäquate Lösung finden kann und hat den Eindruck, in der Klemme zu sitzen: Weder Handeln noch Rückzug scheinen möglich zu sein. Bisherige Problemlösungsmuster versagen, neue müssen erst erlernt werden.

Auch wenn Krisen keine Krankheiten sind, die Belastungen, die mit Krisen verbunden sind und falsche Bewältigungsstrategien können zur Chronifizierung von Belastungsreaktionen wie Schlafstörungen, Albträumen, unkontrollierten Nachhall-Erinnerungen, Angstzuständen, Betäubungs- und Vermeidungsverhalten führen und körperliche wie psychische Erkrankungen auslösen. Daher ist es wichtig, Krisen frühzeitig als solche zu erkennen, über gesunde Bewältigungsstrategien informiert zu sein und rechtzeitig Hilfe in Anspruch zu nehmen, um die Chronifizierung der Symptome bis hin zum vollständigen Verlust an Lebensfreude zu verhindern.

Welche Bewältigungsstrategien helfen?

Grob gesprochen können zwei Typen von Strategien im Umgang mit traumatischer  und Veränderungskrise unterschieden werden: Es gibt Menschen, die Trauma und Krise so schnell wie möglich hinter sich lassen wollen. Sie wenden Strategien an, welche die Krise oder das Trauma aus dem Leben ausgrenzen und nicht anerkennen. Die Krise oder das traumatische Ereignis werden verdrängt – im wahrsten Sinne des Wortes.
Herr K. hat seinen Sohn durch einen Unfall verloren: „Untertags habe ich gearbeitet wie noch nie in meinem Leben, um nicht dran zu denken, weil es so weh getan hat. Abends habe ich versucht den Schmerz wegzutrinken. Arbeit und Alkohol waren auch Möglichkeiten, meiner Frau auszuweichen. Ich hab sie nicht ausgehalten, sie hat mich ständig an den Tod von M. erinnert. Gleichzeitig hatte ich wahnsinnige Schuldgefühle ihr gegenüber, weil ich sie leiden sah und sie links liegen ließ.“

Der zweite Strategie-Typ versucht es mit dem Gegenteil: Er erkennt Trauma und Krise an, integriert sie in sein Leben und erweitert sein Leben dadurch: Nachdem Herr K. krank wurde, hat er schlussendlich auch seine Bewältigungsstrategie verändert: „Irgendwann habe ich es dann verstanden: So sehr ich mich auch bemüht habe, es zu verhindern, – der Schmerz hat mich immer wieder eingeholt. Er hat mich von hinten erwischt, überfallsartig. Da hab ich begriffen, dass ich den Tod von M. nicht wegschieben kann, sondern dass ich mir sagen muss: Das ist eine Katastrophe, was da passiert ist, aber mit dieser Katastrophe musst du jetzt leben, sie ist wie dein Bub, ein Teil von dir. Und als ich das kapiert hab, hab ich mich damit auseinandergesetzt. Ich hab die Unfallstelle aufgesucht und hab den Mann besucht, der das Auto gelenkt hat. Ich hab auch wieder begonnen mit meiner Frau darüber zu sprechen. Das war mir vorher nicht möglich. Das war für uns beide aber wichtig.“

Ein Trauma ist ein Monster, das in das Leben eines Menschen einbricht. Es ist nicht nur schrecklich und macht Angst, es ist zunächst auch fremd, unbekannt und man kann deshalb auch nicht einschätzen und vorhersehen, wie es sich verhält.
Die Frage ist, wie gehe ich mit meinem Monster um? Ich kann mich wegdrehen und mich im hintersten Winkel verstecken und es wird mich immer wieder heimsuchen und von hinten überfallen. Ich kann dem Monster aber auch gegenübertreten und sagen: Hallo, ich finde dich schrecklich, ich wollte dich nicht, aber da ich dich nicht wegzaubern kann, versuche ich das Beste draus zu machen und ich werde dich jetzt genau kennenlernen.

Passive Bewältigungsstrategien versuchen das Monster auszublenden, es findet keine Auseinandersetzung damit statt, es bleibt unbekannt und unberechenbar. Es kommt „von hinten, überfallsartig“ immer wieder in Form von unkontrollierbaren Erinnerungen (Flashbacks), Gedanken und Gefühlschaos.

Aktive Bewältigungsstrategien sind Maßnahmen, mit denen ein Mensch dem Monster einen Platz zuweist und versucht es kennenzulernen, um besser mit ihm leben und es auch besser kontrollieren zu können. Herr K. hat damit begonnen, dass er zur Unfallstelle ging und den Unfall-Lenker besuchte. Er hat begonnen wieder mit seiner Frau über den Tod des gemeinsamen Sohnes und über seine Gefühle zu sprechen.
Weitere aktive Strategien: Das Lesen von Literatur zur jeweiligen Krise, das bewusste Begehen von Jahrestagen nach einem Todesfall, das bewusste Erinnern, durch die Gestaltung von Erinnerungsalben, Erinnerungsecken und Gedenkseiten. Als enorm wichtig wird von Menschen in der Krise auch der Austausch mit Betroffenen in Selbsthilfe-Gruppen oder in Internet-Foren empfunden.

Für ASPETOS
Dr. Christine Pernlochner-Kügler