Leichenschmaus und Abschied in aller Stille

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Die Kirche drängt auf eine öffentliche Zeremonie und eine Friedhofsbestattung, denn ein Leichnam sei nicht Privateigentum der Familie. Tote sollten an einem öffentlichen Ort für Trauer, Gebete und Andenken erreichbar sein.

Das war in „Die Presse“ vom 31.10.2016 zu lesen.
Rechtzeitig zu Allerheiligen gingen solche Meldungen in den Medien rauf und runter. Allerheiligen – der Tag der Toten, verstreut oder eingesargt – in der Erde, einer Urnenwand, dem See oder einem Diamanten.

Der Wunsch nach Individualisierung, nach Verabschiedungen in aller Stille wird immer häufiger.

WARUM? Kann so der Tod aus dem Leben gebannt werden? Wenn ich mich nicht damit auseinandersetzen muss, dass Menschen sterben, muss ich mich dann überhaupt meinem Tod, meiner Endlichkeit stellen?

Astrid Bechter-Boss begleitet Trauernde und arbeitet für das Trauernetzwerk ASPETOS. Sie spricht hier über „Abschied in Stille“ und die Tradition „Leichenschmaus“.

WARUM wollen Menschen einen Abschied in aller Stille?
Die Gründe können sehr unterschiedlich sein. Bei vielen Menschen bemerkte ich, dass sie kaum mehr Erfahrung mit Ritualen haben. Neben all der Individualisierung ist dem Menschen (dem sozialen Geschöpf) doch wichtig, es „richtig“ zu machen. Ich bekam Fragen gestellt wie: „Was ist wenn ich bei der Beerdigung weine?“ Oder „Was denken die Menschen, wenn ich nicht weine?“ Vor noch gar nicht all zu langer Zeit war es üblich, den Beerdigungen im Umfeld beizuwohnen. Dadurch wussten die Menschen auch, dass weinen und nicht weinen, schreien, stumm sein und sogar das Lachen ganz normal sein können. Ich vermute, viele Individualisten haben Angst vor dem Individualismus im sozialen Gefüge und vermeiden daher das Gefüge, die Gemeinschaft.

WARUM gingen die Menschen früher und weshalb gehen sie auch heute noch zum Leichenschmaus, der in vielen Regionen mit traditionellen Mahlzeiten und fast rituellen Abläufen einhergeht?

Eine Erklärung kann aus folgendem Satz abgeleitet werden:
Nach der Verabschiedung geht die Trauergemeinschaft gemeinsam in das Gasthaus, um zu essen.
 Schauen wir uns die einzelnen Satzteile einmal genauer an:

Nach der Verabschiedung:
Wie soll es jetzt weitergehen? Die letzten Tage waren Organisation, Gedanken über die Verabschiedung, den Blumenschmuck, den Lebenslauf und all die anderen Dinge wichtig. Doch wie soll ich jetzt weitermachen? Wohin mit der Leere, mit dem Alleinsein, mit der Endgültigkeit?

Die Trauergemeinschaft:
In der Trauer sind wir eine Gemeinschaft, wir haben einen Menschen nicht mehr bei uns, der wichtig war und ist. Wir trauern alle, manchen ist die Trauer näher als anderen, doch wir sind verbunden.

Gemeinsam in ein Gasthaus gehen:
Damit verbinden wir Geselligkeit, Gemeinschaft und auch Öffentlichkeit. Es ist ein öffentlicher Raum, an dem wir erzählen, lachen, weinen und offen sind mit unserer Trauer. Die Trauer wird nicht in ein kleines privates Kabäuschen verbannt. Trauer darf öffentlich gelebt werden.

Um zu essen:
Sich stärken, sich bereit machen für einen langen Weg, umgeben von Menschen, die zeigen, dass sie da sind – für mich. Ich bin nicht allein, und das gibt mir Kraft und ich esse, stärke meinen Körper, der manchmal vergessen wird in dem großen Schmerz der Trauer.

Individualismus ist wichtig. Ich möchte nicht in einer Zeit leben, in der ich eine von vielen bin. Ich will als Individuum mit den Vielen leben. So möchte ich auch in der Trauer und im Tod verbunden sein mit denen, die mir im Leben wichtig sind.

Individualismus im sozialen Gefüge, meine Urne oder mein Sarg an einem Friedhof mit vielen anderen Gräbern und vielleicht darf ich ja „Mäuschen“ sein, wenn es bei meinem Leichenschmaus Gulasch mit Spätzle und Apfelstrudel gibt – nicht um zu essen, sondern um zu hören, was denn da jetzt alles erzählt wird. Ein schöner Gedanke für mich.