Memento Mori: Vanitas-Wahn früher und heute

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Ed-Hardy-Poster

„Mors certa hora incerta“ („Der Tod ist gewiss, seine Stunde ungewiss“) oder „Memento moriendum esse“ („Bedenke, dass du sterben wirst“), – diese Gedanken sind untrennbar mit dem Lebensgefühl des Mittelalters und des Barock verbunden. Moderne „Memento Moris“ kamen allerdings vor ein paar Jahren über die Mode wieder auf: Totenköpfe und Skelette findet man seit einigen Jahren überall. Die Marke „Ed Hardy“ wurde berühmt für ihre Skull-Motive auf T-Shirts, Schuhen und Life-Style-Produkten. So bekam ich von einer Freundin ein Handtuch mit Totenköpfen drauf und auch eine Eiswürfel-Box, mit deren Hilfe man Skull-Eiswürfel (engl. „skull“ = der Schädel) produzieren kann. Mein Kollege überreichte mir im letzten Jahr ein Skelett aus weißer Schokolade im Sarg aus dunkler Schokolade.

Als ich diesen Sommer mit meinen üppig verzierten Ed-Hardy-Schlapfen Richtung Badestrand schlenderte, kam ich an einem Trödler-Stand vorbei, der sofort mein Interesse weckte, war er doch voller antiquarischer Vanitas-Objekte: Da fanden sich kleine Tödlein-Särge, Betschnuren mit geschnitzten Totenköpfen, Elfenbein-Skelette und vieles andere mehr, was den Menschen stets daran erinnern sollte, dass alles schnell vorbei sein kann.

Nachdem ich vor lauter (Neu)Gier meine Finger nicht von einem prunkvollen, höfischen Tödlein-Sarg lassen konnte und ihn beinahe beschädigte, weil mir der Sargdeckel auskam und runterfiel, kam ich mit dem Händler ins Gespräch. Ich fragte ihn, ob er sich denn auf „Memento-Mori-Zeug“ spezialisiert hätte und er meinte: „Eigentlich nicht, aber das makabre Zeug, das findet seit ein paar Jahren wieder reißenden Absatz. Die jungen Leut‘ sind wie wild drauf, und zwar nicht nur die Gruftis und die Emo-Punks. Denk dran, dass heut auf jedem Leiberl ein Totenschädel drauf ist.“ Ach ja, da hat er recht, dachte ich an mein auffälliges Schuhwerk, das er offensichtlich ganz übersehen hatte.

 

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Totenkopf-Armbänder und Betschnur aus Tibet (Schnitzerei aus Yak-Knochen)

Der Vanitas-Gedanke und das „Memento mori“ in der Kunst gehen ursprünglich auf die antike griechische Philosophie der Stoa zurück. Lebensziel der Stoiker war es, Weisheit und Glückseligkeit zu erreichen. Als Voraussetzung dafür, sahen sie eine ausgeprägte Gefühlskontrolle, die zur Freiheit von Leidenschaften, zu Selbstgenügsamkeit, Unerschütterlichkeit und Überwindung der Todesangst führen soll. Entsprechungen dieser Ethik finden sich auch in biblischen Texten zum Beispiel im Psalm 90, Vers 12: „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.“ Ich bekam außerdem zwei Armbänder aus Tibet mit aus Knochen geschnitzten Totenköpfen und eine ebenso gearbeitete Meditationsschnur geschenkt: Die Meditation über den eigenen Tod spielt bis heute auch im Buddhismus eine zentrale Rolle. Die buddhistische Ethik und die Ethik der Stoa sind sich grundsätzlich sehr ähnlich.

Bei uns – im abendländischen Kulturraum – fand die Memento-Mori-Kultur vor allem im Mittelalter und im Barock ihren Höhepunkt. Das Todes-Gedenken war zu diesen Zeiten durch die hohe Sterblichkeit in Kriegs- und Pestzeiten und durch die Angst vieler Gläubiger vor einem unvorbereiteten Tod besonders tief verankert und spiegelte sich natürlich in Literatur und bildender Kunst wieder.

Die mittelalterliche und die barocke Kunst sind demnach einerseits geprägt vom christlichen Jenseits-Glauben, der seine Sehnsucht auf eine andere, bessere Welt „danach“ richtet. Andererseits spiegelt sich in ihr ein Denken und Fühlen, das von den Gegensätzen „Lebenslust und Todessehnsucht“ bestimmt war. Vanitas-Symbole finden sich im Mittelalter und Barock überall, sowohl in der Alltags- als auch in der religiösen Kunst. Das lateinische Wort „vanitas“ wird mit „leerer Schein, Nichtigkeit, Eitelkeit“ übersetzt und steht für die Vergänglichkeit alles Irdischen, die auch im alttestamentarischen Buch Kohelet  ausgesprochen wird: „Es ist alles eitel“ (Koh. 1, 2), was im ursprünglichen Sinne mit „Es ist alles nichtig“ übersetzt werden kann.

Neben den zum Vanitas-Thema gehörenden Texten sind vor allem auch Objekte aus dem Brauchtum überliefert, unter anderem kleine „Tödleins“ als Sensenmänner oder Skelette in Denker-Pose, Sanduhren, Totenköpfe, Ring-Köpfe etc.

„Tödleins“ in Särgen stellen eine ganz besondere Kunstgattung dar. Es sind Miniatursärge von ca. 10 bis 15 Zentimetern Länge. Manche lassen sich mithilfe einer Feder aufklappen und es springt ein kleines Tödlein mit der Sense heraus. Andere verfügen über keinen Mechanismus, wenn man aber den Deckel abhebt, ist ein geschnitztes Tödlein zu sehen.

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Schoko-Tödlein (li) und

Ein solches Tödlein hab ich im Urlaub bei dem Trödler erstanden. Es ist ein 11 cm langes sogenanntes „bäuerliches Tödlein“ aus dem Jahr 1783.

 

images/stories/News/dsc_1916.jpgWenn man den Deckel des kleinen Sarges öffnet, sieht man einen kleinen Toten in ein Laken gewickelt. Tödlein und Sarg sind aus einem Stück geschnitzt und wurden in einem Bauernhof gefunden. Es erweitert jetzt meine Sammlung an Vanitas-Objekten.

Donald Ed Hardy hat die Mode in den vergangenen Jahren stark geprägt und zahlreiche Fake-Produkte sind am Markt erhältlich. Warum taucht der Tod plötzlich in Mode und Life-Style auf? Warum ist das Ed Hardy-Label überhaupt so erfolgreich? Ed Hardy war in den 80er-Jahren als Tätowierer tätig, das sieht man seinen Werken auch an: Es ist Tattoo-Kunst. Man könnte sagen, Tattoos haben sogar etwas Barockes, wenn man so will.  Ed-Hardy-Skulls sind häufig mit dem Schriftzug „Love kills slowly“ versehen. In den 80ern starben die ersten Prominenten an Aids, der neuen „Seuche“ das 20. Jahrhunderts, wie man Aids damals nannte. Die 90er waren dann geprägt vom Endzeitdenken und einer Weltuntergangsstimmung, da die Jahrtausendwende nahte. Ed Hardy brachte sein Mode-Label im Jahr 2002 auf den Markt und hatte rasch Erfolg damit. Kriege, Terrorismus, Naturkatastrophen, Hungersnöte, Epidemien, Umweltzerstörung, Klimawandel … sind Themen, die via Fernsehen und Internet omnipräsent sind. Panik und Weltuntergangsstimmung werden geschürt. Da ist es nicht verwunderlich, dass „das Tödlein“ wieder modern ist.
Quellen:

Hadot, Pierre: Wege zur Weisheit oder was lehrt uns die antike Philosophie? Frankfurt/M. (Eichborn) 1999.

www.wikipedia.com

www.kulturraumtirol.at