Mit einem Fuß im Grab: Die Generation 80plus und ihr Umgang mit dem Tod

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Luise Pflanzner, 85 Jahre alt, mit Töchtern und Schwiegersohn beim Vorsorge-Besuch im TrauerHilfe-KrematoriumSie trinkt  am liebsten Kaffee und Wein, hin und wieder auch einen Orangensaft oder einen Tee mit Rum, denn „vom Wasser bekommt man Läuse im Bauch“, meint Loni. Und sie  ist 88 Jahre alt. Fad wird der lebenslustigen Bad Ischlerin nicht, denn sie ist dauernd unterwegs, – entweder mit ihrem Senioren-Verein oder privat, da ist sie Mitglied in mehreren „ Karten-Runden“: Schnapsen, Watten aber auch Pokern, das ist ihr liebster Zeitvertreib.

Ihre künstliche Herzklappe ist jetzt 11 Jahre alt und es ist ihr schon klar, dass es nicht ewig so weitergeht. Vor allem in den Füßen merkt sie, dass die Durchblutung nicht mehr so gut funktioniert und Wassertabletten braucht sie auch regelmäßig. Eine neue Herzklappe? – Nein, alleine die Operation wäre zu riskant in ihrem Alter. Obwohl sie keineswegs lebensmüde wirkt und durchaus vorhat „noch ein bissl zu leben, um das auszugeben, was sie zu vererben hätte“ , ist „Bestattungsvorsorge“ ein wichtiges Thema für Loni. Ganz wichtig ist ihr, dass es immer ein aktuelles Foto von ihr gibt. Bis vor einigen Jahren ist sie deshalb auch regelmäßig zum Fotografen gegangen und hat ein schönes Bild von sich machen lassen – eine Sterbebild. Damit meint sie natürlich ein  Passfoto für die Parte, denn sie findet es ganz übel, wenn aus den Todesanzeigen der Tageszeitung 40-Jährige herauslachen, die aber  über 70 oder 80 geworden sind. Das geht gar nicht!

Im Wohnzimmer hat sie seit Jahren alles in einer Schachtel „hergerichtet“: Da ist das „Versehzeug“ für die letzte Ölung vorbereitet, aber auch alle ihre Dokumente, der Text für die Parte und natürlich Adressen von all jenen, die zu benachrichtigen sind und die eine Parte per Post geschickt bekommen sollen. Außerdem hat sie eine Vorsorgeversicherung beim Wiener Verein abgeschlossen, damit sie sicher ein schönes Begräbnis und  „eine schöne Leich‘“ bekommt. Welches Kostüm sie als letztes angezogen bekommt, das bespricht sie mit ihrer Enkelin, „weil das ändert sich ja von Zeit zu Zeit“. Derzeit wäre es ein Kostüm in Lila, diese Farbe ist ja grad der letzte Schrei, weiß sie und  – diese Farbe steht ihr hervorragend. Eigentlich würde sie sich gerne einäschern lassen, das findet sie hygienischer, aber ihr Mann starb vor 13 Jahren und wurde damals erdbestattet: „Also muss ich auch als eine Ganze zu ihm runter, sonst wird das nix mehr mit uns. Außerdem hatte er ein Lungenleiden und wenn ich da als Asche zu ihm runterkomm, das tut ihm sicher nicht gut“, meint Loni schmunzelnd.
Luise ist 85 Jahre alt und Bäuerin in Thaur in Tirol. Vor 10 Jahren ist ihr Mann verstorben. Er hat zuhause sterben dürfen, ist eingeschlafen. Damals war die Erdbestattung übliche Bestattungsform. Für einen angesehenen Landwirt, der bei zahlreichen Vereinen mitwirkte, war eine Feuerbestattung lange Zeit gar nicht denkbar. Aber Luise will es für sich anders haben und dafür hat sie einen triftigen Grund. Vor zwei Jahren hat bei Grabpflege-Arbeiten plötzlich das Grab ihres Mannes nachgegeben und sie ist eingebrochen. „9 Jahre nach der Beisetzung war das! Es muss der Sarg plötzlich eingebrochen sein“, erzählt Luise. Der Schrecken war groß und hat ihre Einstellung nachhaltig verändert, denn heute weiß sie, dass sie nicht so beerdigt werden will und über die Alternative will sich Luise genau erkundigen. Auf alle Fälle soll es eine traditionelle Verabschiedung mit Sarg, Vereinen, Messe, Bläsern, Kirchenchor und einen großen Leichenschmaus werden. Alles standesgemäß, versteht sich! … Aber dann will sie eingeäschert werden, weswegen sie mit zweien ihrer Töchter und den Schwiegersöhnen ins TrauerHilfe Krematorium nach Kramsach fährt. Dabei schont sie sich und ihre Kinder nicht: Sie sieht sich alles genau an und will wissen, wie das aussieht, was von einem Menschen übrigbleibt. Nach dem Besuch im Krematorium folgt noch ein Besuch beim Bestattungsinstitut, denn „wenn wir schon dabei sind, schauen wir uns die Särge auch gleich mit an“.

Was haben Loni und Luise gemeinsam: Sie sind beide über 80, haben einen Weltkrieg hinter sich und sie sind Witwen. Auch wenn die eine einen Stock hat und der anderen öfter am Morgen schwindlig wird, hat man nicht den Eindruck, dass sie leicht etwas umwirft. Sie sind beide neugierig, wollen alles genau wissen und: Sie haben einen guten Humor.

Sich auf den eigenen Abschied vorbereiten, „Vorsorge“ treffen, wird wieder immer mehr Thema.  In den vergangenen 50 Jahren ist der Tod tabuisiert worden. An den eigenen Tod zu denken, ihn gar zu planen, ist für viele „makaber“. Die Tabuisierung begann allerdings erst  in den 50er Jahren. Zunehmend wurde das Sterben in Krankenhäuser, Altenheime und Hospiz-Stationen ausgelagert und institutionalisiert. Die Toten wurden in Leichenkapellen und Leichenhallen aufgebahrt, – meist aber „versteckt“, in geschlossenen Särgen. Das war vielleicht eine Reaktion der Kriegsgeneration. Zu viele Tote hatte es gegeben, zu groß war die Traumatisierung und nun wollte man einfach nicht mehr bei jedem Toten daran denken und erinnert werden. Alle Kraft richtete sich auf den Wiederaufbau. Der Tod und die Toten wurden vermieden, das (Über)Leben war wichtiger.

Gerade die Generation 80plus kann sich aber noch an einen gewohnteren Umgang mit dem Tod erinnern: Jede Familie hatte ihr eigenes „Versehzeug“. Das Totenhemd wurde schon zu Lebzeiten angefertigt, Verstorbene wurden zuhause gewaschen, gekleidet, aufgebahrt. Der Tod hatte im Leben Platz und man war besser vorbereitet auf ihn. Loni und Luise sind typisch für ihre Altersgruppe. Sie gehen wesentlich pragmatischer und weniger ängstlich und vermeidend mit dem Tod um als die Generation nach ihnen. Und sie bestätigen, was wir im Alltag als BestatterInnen immer wieder feststellen: Die Beschäftigung mit dem Tod und das Planen und Vorsorgen des eigenen Todes  ist nicht morbide oder makaber. Im Gegenteil:  Die Freude am Leben und die Lebenslust werden größer, der Augenblick wird wichtiger. Die Angst vor dem Tod verschwindet nicht, aber sie wird weniger.