Mit sterbenden Kindern ueber den Tod sprechen

News2_marco-barnebeck

images/stories/News/traenen-regenbogen.jpgGesprächsansätze mit sterbenden Kindern

In unserer Zeit werden Krankheit und Tod oft totgeschwiegen. Die Konfrontation mit unheilbar kranken und sterbenden Kindern löst daher große Verunsicherung aus. Viele wissen nicht, was sie tun sollen oder wie sie sich verhalten sollen. Doch sehr kranke Kinder brauchen auf ihrem schwierigen Weg Beistand, Begleitung und auch Gespräche.

Es ist unumstritten, dass das Kind Gespräche über seine Krankheit und dem weiteren Verlauf der Krankheit braucht und damit auch einen wichtigen Beistand erfährt. Entscheidend ist die Frage, wie ein Gespräch über das bevorstehende Sterben und den Tod gestaltet werden kann. In der Regel wollen lebensbedrohlich erkrankte und sterbende Kinder die Wahrheit über ihre Situation erfahren. Sie suchen in Gesprächen Hilfe, mit der existenziell bedrohlichen Situation umzugehen und neue Ziele für ihre Lebenszeit definieren zu können. Es ist jedoch auch möglich, dass Kinder mit der totalen Ablehnung oder Verzweiflung auf die Konfrontation mit der finalen Realität reagieren. Es muss dem sterbenden Kind auch zugestanden werden nicht über die Lebensbedrohung sprechen zu wollen:

„Unsere Aufgabe bei der Betreuung Sterbender kann nur darin bestehen, herauszufinden, wie weit sie bereit sind, Probleme anzusprechen und zu ertragen und sie nur bis zu diesem Punkt zu begleiten. Es kann nie unsere Aufgabe sein, einer Erkenntnis von uns folgend, den Sterbenden zu einem bestimmten Punkt, etwa der Annahme seines Schicksals zu führen, wenn er nicht dazu bereit ist.“  (Blumenthal-Barby, 1991)

Bei einem Gespräch über die Erkrankung, das Sterben und den Tod muss das psychische Tempo des Kindes berücksichtigt werden. Das Kind fragt immer nur so viel wie es wissen will und verarbeiten kann. Dem Kind sollte die ständige Bereitschaft zum Gespräch vermittelt werden. Ein möglicher Ansatzpunkt für ein Gespräch über das bevorstehende Sterben sind die bereits bekannten Krankheits- und Sterbeerlebnisse in der Familie. Daraus kann sich ein Gespräch über Krankheit und Tod im Allgemeinen sowie über die Gefühle des Kindes bezüglich des Todes und der Angst vor dem Sterben entwickeln. Aber auch das Erleben des Sterbens anderer Kinder mit der gleichen Krankheit kann Ausgangspunkt eines Gespräches sein. Ein Kind, das diesen Weg geht, fragt indirekt auch danach, wie es ihm selber einmal ergehen wird. Auch können Bilderbücher und Geschichten über das Thema „Sterben und Tod“ Gesprächsansatz bieten. Selbstverständlich sollten in Gesprächen über den Tod neben der inhaltlichen auch stets die emotionale Ebene angesprochen werden.

Der Begleiter sollte dem Kind im Gespräch die eigene Betroffenheit und Trauer angesichts des bevorstehenden Todes zeigen, den Aspekt der Hoffnung auf ein erfülltes Leben in der Gegenwart jedoch nicht außer Acht lassen. Offene persönliche Stellungsnahmen über die eigenen Vorstellungen von Sterben und Tod können dem Kind Kraft und Hoffnung vermitteln, um die letzte Lebensphase erfüllt leben zu können.

 

 

Die Selbstmitteilung sterbender Kinder:

 

Lebensbedrohlich erkrankte Kinder wissen häufig intuitiv aufgrund ihrem eigenen körperlichen Befinden und aus dem Verhalten der Umwelt, wie es um sie steht. Die Form der Mitteilung um das Wissen und die Auseinandersetzung mit der Krankheit erfolgt oft auf symbolischer Ebene. Die Kinder setzen sich in Bildern, Geschichten oder Spielhandlungen mit ihrer Grenzsituation, den Ängsten und Erfahrungen auseinander. Auch wenn nicht offen über das bewusste oder vorbewusste Wissen um die Lebensbedrohung gesprochen wird, spiegeln doch zahlreiche Ausdrucksformen die Befindlichkeit des Kindes wieder. Dazu zählen das Malen, das Verhalten im Spiel, Träume oder phantastische Geschichten.

 

Mitteilung in Bildern – Wenn lebensbedrohlich erkrankte Kinder malen:

Das sterbende Kind kann im Malen seinen Gefühlen Ausdruck geben. Diese Technik ist Für das Kind ein vertrautes Hilfsmittel, sich auszudrücken und Erlebtes zu verarbeiten. Bilder geben oft das wieder, was die Kinder nicht in Worte fassen können. Kinder ahnen ihren Tod häufig voraus. In ihren Bildern werden häufig die noch verbleibenden Lebenstage in symbolischer Form dargestellt.

Es geht nicht darum, jedes Bild ins Einzelne deuten zu können und es gibt natürlich auch Bilder, die nicht unbedingt mit dem nahenden Tod zu tun haben. Aber durch die Bildsprache werden Kommunikationsmöglichkeiten eröffnet, erweitert und vertieft, weil der Zugang zu sich und zu den anderen oft über das Wort versperrt ist. Man kann also über ein Bild und seine Elemente ins Gespräch kommen und sehen, wo es hin führt. Darüber hinaus kann das Malen einfach Entspannung verschaffen: Wenn das Kind malt, ist es sehr konzentriert und versunken. Dadurch ist es für einige Augenblicke befreit von der Fessel ihrer sonstigen Konflikte und Ängste, was Erleichterung und Freude bringt.

 

 

Mitteilungen im Spiel:

Neben dem kreativen Gestalten, wie dem Malen, ist das freie Spiel ein Element, das zur Verarbeitung von Gefühlen beitragen kann. Im Spiel findet eine Lösung von starren Funktionen und Formen statt. Das Handeln im Spiel ist zweckfrei; es können Ängste, Freude oder Wünsche ausgedrückt werden, jedoch kann sich das Kind in die schützende Anonymität der Spielsituation zurückziehen. Es kann sich mit der Phantasie gegen die Verplanung, der es ausgesetzt ist, wehren. Auch im Krankenhaus kann das Spiel von Bedeutung für das Kind sein, da es mit seiner spielerisch geschaffenen Eigenwelt einen Gegenpol zu dem ihm bedrohlichen Milieu schaffen und seine Ängste damit verarbeiten kann. Neben dem freien Spiel kann auch ein Rollenspiel eine Hilfe sein, angestaute Emotionen zu brechen und psychisch entlastend wirken. Kinder können versuchen, durch Hineinversetzen in phantastische, mächtige Rollen, sowie in Kriegsspielen ihre Erkrankung abzuwehren.

Das Spielen der Erkrankung kann Ängste vor Behandlungen und vor Eingriffen ausdrücken kann. So kann das Kind z.B. eine bevorstehende OP zuerst an seinem Teddy vornehmen. Andere Kinder sehen jedoch im Teddy ihr intaktes Selbst und wollen den Teddy daher nicht beschädigen. Die Spiele sterbender Kinder bedürfen der einfühlenden Beobachtung, um die innere Befindlichkeit des Kindes zu erkennen. Spiele stellen eine Hilfe zur Verarbeitung der Ängste dar, sind jedoch nicht die alleinige Lösung.

 

Wenn schwerkranke Kinder Geschichten schreiben:

Wir können etwas über die Innenwelt von todkranken Kindern und Jugendlichen erfahren, wenn wir uns den von ihnen erzählten Geschichten zuwenden, ihre Zeichnungen betrachten und über diese Bilder, Geschichten und Spiele mit ihnen Gespräche suchen. Als Beispiel zitiere ich abschließend eine Geschichte aus der Sammlung „Tränen im Regenbogen“. Als ich diese Geschichte mit der dazugehörigen Interpretation von C. Blessler las, war ich selbst fasziniert, wie viele Selbstmitteilungen sterbenen Kinder uns im Alltag geben können.

Diese Geschichte wurde von Bianca verfasst, einem Mädchen, das an einer schweren Mukoviszidose litt. Sie starb dreizehn Tage nach ihrem sechzehnten Geburtstag.

Es war einmal ein Mädchen, das liebte seine Mutter von ganzem Herzen. Eines Tages kam dem Mädchen die Idee, etwas ganz besonderes seiner Mutter zu schenken, um ihr ihre Liebe zu beweisen. Das Mädchen dachte nach und beschloss, der Mutter einen Krug voll Wasser zu holen, das einen unsterblich macht, und ihr auch ein Vöglein aus Gold zu schenken, das wunderbar sang. Das Mädchen ging in den Wald zur guten Fee und fragte sie nach dem Weg zum Brunnen des Ewigen Lebens und dem Weg zum goldenen Vogel. „Du musst drei Tage nach Süden laufen, dann kommst du zu einer Höhle, in der ein Drachen lebt. Dort wirst du, wenn du die Liebe des Drachens gewinnst, das Wasser finden, und im Wasser spiegelt sich der Ort, wo der goldene Vogel ist“, erzählte die gute Fee dem Mädchen. Das Mädchen machte sich auf den Weg, nachdem es der Mutter versichert hatte, es würde bald wiederkommen. Nach drei Tagen kam das Mädchen tatsächlich an die Höhle des Drachens. Das Mädchen rief: „Hallo, lieber Drache, bist du zu Hause?“ Sie lauschte, und  nach einer Weile hörte sie ein wildes Zischen. Dann kam ein grimmiges Drachengesicht zum Vorschein. Das Mädchen hatte aber ein feines Gespür, und als es in des Drachens Augen sah, sah es, dass der Drache nicht wirklich böse, sondern nur einsam und verbittert war. Das Mädchen war freundlich zu dem Drachen und erzählte ihm, wieso es zu ihm gekommen war. Der Drache hörte aufmerksam zu und war gerührt, dass das Mädchen seine Mutter so sehr liebte. „Oh, wenn mich doch auch jemand so lieb hätte“, meinte der Drache, und eine Träne rollte über sein Gesicht.“ „Aber ich hab dich doch auch lieb, lieber Drache“, rief das Mädchen und umarmte den Drachen zum Beweis. Als der Drache dies hörte, holte er einen Krug Wasser des Ewigen Lebens, und beide machten sich dann auf den Weg, um den goldenen Vogel zu holen. Nach einer Stunde kamen der Drache und das Mädchen bei einem Baum an, an dem ein Käfig hing, indem ein goldener Vogel saß und sang. Das Mädchen nahm den Vogel und der Drache erzählte dem Vogel die Geschichte des Mädchens, und der Vogel meinte, er würde gerne mit dem Mädchen mitkommen, da er sowieso immer allein gewesen wäre. So machten die drei sich auf den Weg zur Mutter des Mädchens. Als sie nach drei Tagen dort ankamen und das Mädchen die Geschenke ihrer Mutter brachte, freute sich diese und sie feierten ein Fest. Die Mutter war gerührt über die Liebe ihrer Tochter, und sie schloss den Drachen und den Vogel sogleich in ihr Herz. So lebten sie alle nun glücklich und zufrieden immer und ewig. (Bessler, 1993, S50 – 52)

In diesem Märchen zeigt sich, die Trauer und der Schmerz über den nahen Tod, sowie die Sehnsucht, noch länger leben zu können. Ganz deutlich drückt das Mädchen die innere Konfliktsituation und die Suche nach einer Lösung aus. Es besteht ein Wissen um den nahen Tod, und dies ängstigt die Patientin. Die Vorstellung des Todes ist unerträglich und darum sucht sie nach einer Möglichkeit für das ewige Leben. In der Märchenwelt sucht sie die Linderung ihrer Ängste und sie findet eine Lösung. Das Mädchen, worin sich die Patientin selbst wieder findet, versucht ihre Mutter zu trösten. Das Kind spürt ihre Trauer und möchte ihr aus Liebe den Krug des Ewigen Lebens schenken. Das Mädchen sucht einen Lösungsweg für die Mutter und damit auch für sich. Um der Mutter den Krug mit dem Wasser zu holen, muss es drei Tage Abschied nehmen. Nicht für lange, und es versichert, wieder zu kommen. Doch es muss der inneren Stimme folgen und für drei Tage nach Süden ziehen. In diesem Märchen ist das Kind auf der ungewöhnlichen Suche des ewigen Lebens. Das heißt, dass sich das Kind ganz bewusst mit dem Tod auseinandersetzt. Doch um sterben zu können, muss es erst noch reifen. Es muss sich mit dem bösen Drachen versöhnen. Der Drachen kann als Darstellung des Todes verstanden werden. Indem sie sich nicht vor ihm fürchtet, sondern ihn um Hilfe bittet, gelingt es ihr, zum ewigen Leben zu finden. Das kann ein Ausdruck sein, dass sie ihren nahen Tod bereits akzeptiert hat. Der goldene Vogel stellt ebenfalls ihre eigene Person dar. Er repräsentiert ihre Wünsche, ihre Hoffnungen und ihre Lebenspläne. Doch auch dieser Vogel ist alleine. Alle drei Anteile gehören zum Ich (der Vogel, der Drachen, das Mädchen) und dies schenkt die Patientin ihrer Mutter. Diese schließt alle drei in ihr Herz. Es zeigt sich der Wunsch als funktionierendes Selbst mit Es – Ich und Über – Ich Anteilen weiter zu existieren. (Bessler 1993)

Zur Autorin:

Angelika Gaßner ist diplomierte Gesunden- und Krankenpflegerin mit der Sonderausbildung zur Diplom-Kinder- und Jugendlichenpflege in Innsbruck.

Literatur:

KLEMM M., u.a.: Tränen im Regenbogen.Phantastisches und Wirkliches – aufgeschrieben von Mädchen und Jungen der Kinderklinik Tübingen. 10. Auflage 2003, Attempto Verlag

LEYENDECKER C.; LAMMERS A. (2001). Lass mich einen Schritt alleine tun. Lebensbegleitung und Sterbebegleitung lebensbedrohlich erkrankter Kinder. Stuttgart, Berlin, Köln. W. Kohlhammer Verlag

TAUSCH-FLAMMER D.; BICKEL L.(1995). Wenn Kinder nach dem Sterben fragen. In: LEYENDECKER C.; LAMMERS A. (2001). Lass mich einen Schritt alleine tun. Lebensbegleitung und Sterbebegleitung lebensbedrohlich erkrankter Kinder. Stuttgart, Berlin, Köln. W. Kohlhammer Verlag. S.58

BUCKINGHAM R.W. (1987).Mit Liebe begleiten. Die Pflege sterbender Kinder. In: LEYENDECKER C.; LAMMERS A. (2001). Lass mich einen Schritt alleine tun. Lebensbegleitung und Sterbebegleitung lebensbedrohlich erkrankter Kinder. Stuttgart, Berlin, Köln. W. Kohlhammer Verlag. S.46

RAMACHERS G. (1994). Entwicklung und Bedingungen von Todeskonzepten beim Kind. Europäische Hochschulschriften Reihe 4. Frankfurt. Peter Lang Verlag

BLUMENTHAL-BARBY  K.(1991). Bedeutung Sterbender. 4. Auflage. Berlin. Verlag Gesundheit

FÄSSLER-WEIBEL P.(1993). Wenn Kinder sterben. Freiburg, Schweiz. Paulusverlag

BESSLER C.(1993). Das todkranke Kind. Sterben als Prozess. In: FÄSSLER-WEIBEL P.(1993). Wenn Kinder sterben. Freiburg, Schweiz. Paulusverlag. S.50-52

KOHLMANN K. (2006). In: FLECK-BOHAUMILITZKY C.(2006). Du hast kaum gelebt. Stuttgart. Kreuz-Verlag

KÜBLER-ROSS E. (1978). Interviews mit Sterbenden, 7. Auflage. In: PLIETH M. (2002). Kind und Tod. Neukirchen-Vluyn. Neukirchner Verlag

PLIETH M. (2002). Kind und Tod. Neukirchen-Vluyn. Neukirchner Verlag