Pestilenz – Eine kleine Geschichte des Gestanks

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Foto: Günther Gumhold www.pixelio.de

Gestank wurde schon immer mit Krankheit, dem Bösen und dem Tod in Zusammenhang gebracht. Krankheiten – so glaubte man lange Zeit – werden durch Gestank verursacht und übertragen.  Seit der Antike bis zur Erforschung der Mikroorganismen um 1880 durch Luis Pasteur wurde den schlechten Gerüchen ein direkter Einfluß auf Gesundheit und Lebenserwartung zugeschrieben und “stinkende Orte” wie Kloaken, Massengräber, Abortgruben, Sümpfe und Gase (Miasmen), die aus dem Erdinneren, “der Hölle” oder dem Körper austraten, wurden als Ursachen für tödliche Krankheiten gesehen.

Zunächst vermutete man eine “atmosphärische Hybris” – ein Ungleichgewicht in der Luft sozusagen – als Ursache für Krankheit. Lukrez (ca. 97-55 v. Chr.), beeinflusst von Hippokrates’ Atmosphären­lehre und Epikurs Atomenlehre, nahm sogar an, dass die Luft Krankheits- und Todesatome enthalte, die, wenn sie an einer Stelle gehäuft auftreten, Leiden und Tod verursachen.

Galen fügte im 2. Jahrhundert zur Erklärung der Entstehung von Krankheiten durch die Luft noch den menschlichen Organismus hinzu: Wenn sich die Säfte des Körpers – verursacht durch Unmäßigkeit im Lebenswandel – im Ungleichgewicht befinden, sei der Organismus anfällig für die Verderbnisse der Luft. Hier wird die Idee geboren, dass die Anfälligkeit für Krankheit auch eine bestimmte Disposition des Körpers voraussetzt.

Die Vorstellung vom krankheitsbringenden Luftgemisch hält bis weit ins 18. Jahrhundert. Theorien, die lebendige Keime und Ansteckung von Personen durch diese Keime zum Thema haben, gab es ebenfalls – erstmals bei Fracastro im 16. Jahrhundert, und zwar bezogen auf die Erklärung der Pest. Diese Theorien setzten sich aber vorerst nicht durch: Die erste Ursache der Pest liegt in der Verdorbenheit der Luft, war man überzeugt.

Die Pest, die man ähnlich wie andere Krankheiten durch Wohlgerüche bannen wollte, wurde als Geruch aufgefasst, als – wie das Kollegium der medizinischen Fakultät Paris 1348 verlautbarte – „mörderische Verderbnis der Luft“, als etwas, was die Luft „verpestet“. Bis ins 19. Jahrhundert wurde die Pest durch “Miasmen” (Gase), die aus Kloaken, Abfallgruben, aus dem Erdinneren (aus der Hölle), aus allen möglichen stinkenden Orten austraten, erklärt. Als vorbeugend und heilend galten Wohl­gerüche. Wasser kam wegen seiner Geruchsneutralität zur Reinigung nicht in Frage: Ärzte wuschen sich deshalb mit Parfums und Lotionen. Von warmen Bädern riet man dringend ab, weil sich dadurch die Poren der Haut öffnen und die verdorbene Luft in den Körper eindringen kann. Auch wurden Feuchtigkeit und somit Wasser als Ursache für Fäulnis und Tod gesehen und es gibt eine Vielzahl von Berichten, in denen von Gärtnern die Rede ist, die beim Giesen von Pflanzen plötzlich ohnmächtig wurden oder sogar starben. Auch Matrosen hatten unter den Ausdünstungen von Wasser erheblich zu leiden. Viel wichtiger war deshalb die Lüftung von Krankenzimmern und das häufige Wechseln und Parfümieren von (stinkender) Kleidung. Die Eingangsverse „Guten Abend, gut Nacht mit Röslein bedacht, mit Neglein besteckt, schlupf’ unter die Deck …“, bekommen so gesehen eine nachvollziehbare Bedeutung. Das Versehen des Bettes mit Rosen und Nelken (=Neglein), meist Gewürznelken, sollte vor Krankheit und Tod schützen und „morgen Früh, wenn Gott will“, das Wiedererwachen ermöglichen. Baden wurde erst dann wichtig für die Behandlung von Kranken und die Prophylaxe, als klar wurde, dass Keime Krankheiten verursachen und dass man Keime mit Wasser und Alkohol abwaschen kann.

Dass die Menschen sich bis ins 19. Jahrhundert (oder länger) nicht regelmäßig wuschen, hat also nichts damit zu tun, dass sie sich vor Gerüchen nicht ekelten, sondern weil sie im Baden und in der Berührung mit Wasser eine Ursache für Krankheiten sahen und daher – um die üblen, krankheitsverursachenden Gerüche zu bekämpfen – mit Düften arbeiteten.

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Knoblauch hilft gegen das Böse … Foto by Joujou www.pixelio.de

Da die wohlriechenden Gerüche offensichtlich im Kampf gegen Krankheit und vor allem Pest versagten, rieten im Jahr 1634 Henri de la Cointe und einige seiner Anhänger nur widerwärtige und scharfe Gerüche zu verwenden, weil nur sie stark genug wären, widerwärtige und krankmachende Düfte zu bekämpfen. Zwischen den Anhängern der guten Düfte und der schlechten Gerüche im Kampf gegen Siechtum und Tod entbrannte schnell ein Streit, aus der die Räucherung durch Verbrennung von Schießpulver, Arsenik, Kalk, Ammoniak und anderen stark riechenden Substanzen zur Reinigung von verseuchten Orten als Sieger hervorging. Am populärsten wurde das Verbrennen von Kampfer oder das Besprengen von Gegenständen mit Kampferwasser. Das Rauchen einer Kampferzigarette pro Tag erhalte die Gesundheit, Kampferspiritus zum Einreiben stärke die Muskeln, Kampfer­zäpfchen helfen gegen Hämorrhoiden, Scheidenentzündungen usw. Kampfer­puder sorge für Abschwächung von Erregung und so für Sitte und Ordnung. Das 19. Jahrhundert roch weitgehend nach Kampfer.

Erst die Erfindung des Mikroskops trug dann zur Änderung der altherge­brachten Fluidumstheorie und der daraus entwickelten Aromatherapie bei, wobei sich die Aromatherapie noch lange hielt:

1658 behauptet der Jesuit Athanasius Kircher, mit Hilfe dieses Instruments das Wesen der Seuche durchschaut zu haben: Es besteht „in kleinen beflügelten Insekten, die von den mit dieser Krankheit behafteten Dingen aufsteigen und sie übertragen, indem sie in die Leiber ihnen nahekommender Personen eindringen“.

Die geflügelten, mit dem freien Auge nicht sichtbaren Insekten beflügelten natürlich auch die Phantasie der Menschen und verunsicherten die Wissenschaftler, die sich ungern von der Theorie der Gase und Dünste verabschiedeten. Im 18. Jahrhundert erreichte der Streit um lebendige Wesen oder Luft als Krankheitsursache seinen Höhepunkt. Mikroskopische Entdeckungen sowie die bessere Erklärbarkeit von Übertragung, Inkuba­tionszeit und das wiederholte Auftreten von Krankheiten, insbesondere der Pest, trugen dazu bei, dass sich die Hypothese von den lebendigen Tierchen langsam durchsetzte. Die Angst vor dem Krankheitsgeruch und vor allem dem Pestgeruch blieb aber, auch die Therapie mit Duftstoffen hielt sich lange, teilweise sogar bis ins 19. Jahrhundert. Einige Mediziner blieben auch bei der Luft als Ursache für die Pest.

Dass Gerüchen aber besonders von Beginn des 18. Jahrhunderts an noch größere Aufmerksamkeit geschenkt wurde als schon in den Jahrhunderten vorher, dass die Beschäf­tigung mit ihnen geradezu obsessiv betrieben wurde, könnte auf die von John Locke begründete sensualistische Philosophie zurückzuführen sein, die die bisher im Verhältnis zur Vernunft vernachlässigten Sinne ins Zentrum des Prozesses der Erkenntnis rückte. Andererseits zeigte gleichzeitig die durch den Aufschwung der Naturwissenschaften entwickelte „pneumatische Chemie“ (möglicherweise auch durch den Sensualismus bestärkt) ein beson­deres Interesse, die krankmachenden Gase zu erforschen.

Zahlreiche Versuche werden unternommen, den Gasen und vor allem den zum Atmen untauglichen „Luftarten“ auf die Spur zu kommen; man bemüht sich, die bislang nicht faßbaren Ansteckungsstoffe, Miasmen und Gifte zu unterscheiden und zu beschreiben – ein zum Scheitern verurteiltes Vorhaben, da es auf einem Irrtum beruht; eine Sisyphusarbeit, welche die Ärzte bis zum Triumph der pasteurschen Theorien in Atem hält.

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Foto by Tokamuwi www.pixelio.de

Wenn die Sinne zum Thema von Philosophie und Wissenschaft werden, wird ihren Wahrnehmungen – und so auch dem Wohlgeruch und dem Gestank – noch mehr Aufmerksamkeit geschenkt als bisher. Die erhöhte Konzentration auf Gerüche und die Erkenntnisse der pneumatischen Chemie führten auch zur Expansion der Parfümerie seit dem 18. Jahrhundert, der Patrick Süskind mit seinem Roman Das Parfum ein literarisches Denkmal gesetzt hat. Die Medizin ersinnt den „Luftkurort“, hoch oben, im Gebirge, denn nur dort, fernab von den Städten, den Menschen und ihren Ausdün­stungen kann Erholung von Schwindsucht, Tuberkulose und Hysterie möglich sein.

Die Bakteriologie des 19. Jahrhunderts lieferte schließlich Fakten, die von der Theorie der krankmachenden Miasmen Abstand nehmen ließ. Dass Gestank alleine zwar nicht ansteckend ist, aber auf das Vorhandensein von Krankheitserregern schließen lässt, weil diese verschiedene Gerüche frei­setzen, lässt aber den Zusammenhang von Gestank und Krankheit weiterhin bestehen. Wenn man vom 19. Jahrhundert an also hygienebeflissener und noch vorsichtiger im Umgang mit Schmutz wurde, dann deshalb, weil der Sinn für die Sinne durch den Empirismus geschärft und die Ursache der Krankheiten durch die Bakteriologie erforscht wurde. Es wurde klar, dass nur das Abwaschen von Keimen Krankheit verhindert und ihre Gerüche entfernt. Die Luftkurorte boomten aber weiter.

Bis ins 19. Jahrhundert hat man in schlechten Gerüchen, ganz besonders aber in den Gerüchen der Verwesung und der Fäulnis, die Ursache für Erkrankungen gesehen. Der direkte Umgang mit dem Toten wurde also durch die Ausdünstungen der Verwesung als für die eigene Gesundheit gefährlich wahrgenommen. Dies war ein entscheidender Grund dafür, dass man bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts den Toten schon am Tag seines Versterbens, spätestens aber am nächsten, beerdigte. Bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts legte man den Sterbenden auch auf ein Brett oder auf den Boden auf „Sterbestroh“, um das Unrein-Werden des Bettes zu verhindern. Das Sterbestroh wurde nach dem Tod verbrannt, weil es als unrein galt.

Über die Abfolge von Verwesungsgerüchen berichtete im 18. Jahrhundert die von Johann Joachim Becher begründete „Fäulnistheorie“, die dem Arzt bei der Diagnose von Krankheiten helfen sollte ­– und wohl auch dem Angehörigen eines Verstorbenen bei der Einschätzung, inwieweit der Leich­nam gefährlich riecht. Der Fäulnistheorie zufolge waren sogar die Ausdünstungen unmittelbar nach dem Eintritt des Todes am schädlichsten.

Seit die „fixe Luft“ in den Augen der Chemiker als Bindemittel gilt, das den menschlichen Körper zusammenhält, schwebt mit dem Leichengeruch auch der Tod in der Luft. Die Theorie der „fixen Luft“, die den Körper zusammenhält und deren Austreten die Auflösung desselben bedeutet, ersann Barthélemy-Camille Boissieu im Jahr  1763. Die Fäulnis sorgt durch das Ausgasen der “gefährlichen Leichengifte” für die dauernde Gegenwart des Todes.

Der Mythos, dass Leichen giftig sind, hält sich übrigen bis heute. Näheres zum Thema “Sind Leichen gitig?” ist unter folgendem Link nachzulesen:

http://www.aspetos.at/news/index.php/gesundheit/32-sind-leichen-giftig


Quellen:

Pernlochner-Kügler, Ch.: Körperscham und Ekel – wesentlich menschliche Gefühle. Münster (LIT) 2004.

Pernlochner-Kügler, Ch.: Körperscham und Ekel – wesentlich menschliche Gefühle. GRIN 2003.

http://www.grin.com/e-book/148284/koerperscham-und-ekel

Stefenelli, Norbert (Hrsg.): Körper ohne Leben. Begegnung und Umgang mit Toten. 1998 (Böhlau Verlag) Wien.