Altern ist geil!

Gute Bestattungen
Gute Bestattungen

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Markus Moosbrugger, Direktor am Ausbildungszentrum West für Gesundheitsberufe in Innsbruck
Aspetos im Interview mit Markus Moosbrugger, stv. Schuldirektor der Krankenpflegeschule am Ausbildungszentrum West für Gesundheitsberufe in Innsbruck. Er lehrt und hält Vorträge zum Thema „Aktiv alt werden“ und erstellt Konzepte zum Thema „Aktivitäten setzen im Altersheim“.
Die Themen Altern, Sterben, Tod und Trauer begleiten ihn seit seinem 16. Lebensjahr. „Es sind aus beruflichen und privaten Gründen meine Themen“, sagt er und hat seine ganz eigene Sicht vom Altern, die sich wesentlich vom Bild des alten Menschen unserer Anti-Aging-Gesellschaft unterscheidet.

 

Aspetos: “Altern ist geil!” Wie das?
Moosbrugger: Das ist richtig. Altern ist der größte Individualisierungsprozess, den der Mensch durchmacht, das heißt, wenn ich dir zehn Säuglinge hinlege und dir einen Zettel in die Hand drücke, was sie brauchen und wie du sie behandeln musst, dann wirst du dich auskennen. Und jetzt lassen wir die selben zehn Säuglinge 80 Jahre älter werden, dann wirst du mit einem einzigen Zettel nicht mehr viel anfangen können. Die werden alle sowas von unterschiedlich sein, weil das Leben jeweils etwas anderes aus ihnen gemacht hat. Alle zehn werden völlig andere Bedürfnisse haben. Das ist das wirklich Spannende am Altwerden.

Aspetos: Aber ist das nicht schon bei zehn 30-Jährigen so?
Moosbrugger: Bei den 30-Jährigen ist die Differenzierung noch nicht so groß, wie bei den 80-Jährigen! Man kann das auch an medizinischen Parametern festmachen: Wenn du die Nierenfunktion der 30-Jährigen anschaust, dann ist die bei den 30-Jährigen fast überall gleich. Du wirst in etwa die gleichen Blutparameter haben. Wenn du das bei den 80-Jährigen untersuchst, dann hast du plötzlich eine riesige Streuungsbreite der Parameter. Das selbe gilt für alle anderen Organe bzw. Vitalparamenter. Und es gilt natürlich auch für die geistige Leistung: Da gibt es Menschen mit Morbus Alzheimer, die die einfachsten Dinge nicht mehr erledigen können und der andere macht mit 80 sein drittes Doktorat im Seniorenstudium. Bitte, die englische Königin ist 80 und führt ein Empire! Papst Benedikt der XVI. ist 81! Wenn du dir andere 80-Jährige anschaust, die bettlägerig sind, dann sieht man die gewaltigen Unterschiede sehr deutlich.
Bildlich gesprochen, schaut das Leben aus, wie ein Blumenstrauß. Je jünger der Mensch ist, desto enger ist das Ganze, je älter er wird, desto mehr geht das Ganze auseinander.

Aspetos: Und ab welchem Alter geht der Blumenstrauß deutlich auseinander?
Moosbrugger: Ab dem 60. Lebensjahr, also wenn man vom Altern spricht. Da differenzieren sich die organischen Parameter, aber eben auch alles andere, auch das Psychobiographische: Was hat dich in deinem Leben extrem geprägt? Was waren die Werte, mit denen du aufgewachsen bist? Ab 60 kommt das dann immer extremer raus! Man hat ja immer geglaubt, die Alten sind alle gleich. Deshalb hat man auch alle diese seltsamen Heime gebaut, weil man gesagt hat: „Die haben eh keine Ansprüche mehr, die sind eh alle geistig schlecht und sie werden alle schwierig. Die meisten werden verwirrt und grauslig sowieso, der Körper verfällt …  Am besten nur mehr mit Gummihandschuhen anfassen!
Und jetzt kommen wir drauf, dass die Bewohner alle unglücklich sind, weil die Alten eben nicht so sind, wie wir sie alle gerne hätten.

Aspetos: Der alte Mensch wird ja oft mit dem Säugling verglichen, man sagt der Alte Mensch regrediert immer mehr, sie werden wie Babys. Die Altersheime sind also daraufhin ausgerichtet alte Menschen nach säuglingsartigen Grundbedürfnissen zu betreuen? Das heißt: Um 6.00 füttern, um 10.00 eine Suppe und um 11.00 Mittagessen. Und die festen Mahlzeiten sind tendenziell Breikost?
Moosbrugger: Ja, am besten Breikost! Weil dann brauchen wir die Zähne nicht mehr. Sind ja nicht mehr richtig und auch nicht mehr wichtig: Sie haben keine kosmetische Bedeutung mehr, das Aussehen ist schon verloren, da kann man eh nix mehr machen!
Zähne sind ja so eine Sache! Der Verlust der Zähne ist für ganz viele alte Menschen nicht nur ein kosmetisches Problem und ein Esstechnisches. Es bedeutet auch den Verlust der Selbstständigkeit und des Sich-Wehren-Könnens. Wenn ich den Alten die Zähne nehme, dann mach ich sie auch wehrlos. Wir Menschen bzw. unsere Vorfahren haben sich die letzten 600 Millionen Jahre gebissen, wenn sie miteinander gekämpft haben. Das steckt ja in uns allen noch drinnen. Nicht umsonst haben wir ja das Sprichwort, dass wir uns die Zähne zeigen, wenn wir aggressiv sind.
Wir wissen heute, dass geistiger Abbau eigentlich durch Inaktivität ensteht. Das heißt, je mehr ich einem Menschen biete, je mehr Anregungen er hat, desto aktiver bleibt er. Das ist aber auch schon bei Kindern so.
Stell dir vor, du bist bettlägerig und die einzige Stimulation ist: „Weiße Decke, weiße Wand, wieder weiße Decke, wieder weiße Wand“. Das ist das, was du siehst, wenn du umgelagert wirst. Und jetzt stell dir vor, das geht Monate oder Jahre so dahin. Dass man da komplett verblödet, dass da dein Geist irgendwann sagt „Ich will nicht mehr!“, das ist das Normalste der Welt! Gottseidank reagiert der Geist so, das ist sein Schutz, dass er nach Innen geht und sich Bilder aus dem Inneren holt. Weil außen gibt’s ja keine Bilder.

Aspetos: Das ist eine Situation der völligen Reizdeprivation, die besten Voraussetzungen, um jemandem eine Gehirnwäsche zu verpassen …
Moosbrugger: Das manchen ganz viele Leute durch im Alter. Ich finds super, dass es in ganz vielen Einrichtungen Aktivierungsprogramme gibt. Das ist alles toll, aber trotzdem: Ein alter Mensch hat keine Wahlmöglichkeiten mehr!

Aspetos: Das Programm wird über dich drübergestülpt, so wie bei der Landschulwoche nur eben für den Rest deines Lebens?
Moosbrugger: Wenn du am Abend etwas machen willst, dann hast du sagen wir 50 bis 100 Möglichkeiten. Im Altersheim: Am Nachmittag, ein Spiele-Nachmittag, was mich schon das ganze Leben nicht interessiert hat! Und die Alternative, die ich habe: Nichts oder fernsehen oder ein Buch lesen, wenn ichs noch kann! Wieso sollte nicht während des Spiele-Nachmittags nicht auch gleichzeitig ein Kino laufen? Wieso soll nicht gleichzeitig ein Kinderchor auftreten?

Aspetos: Aber das verlangt  ja nach mehr Personal, das muss ja bezahlt werden?
Moosbrugger: Das ist eine Organisationsgeschichte. Es gibt genug Schulen, die gerne kommen. Und das Kino, was brauchst du da? Den Beamer, einen Film  und  eine weiße Wand, das ist kein großer finanzieller Aufwand und aufstellen kann das der Hausmeister!

Aspetos:
Was ist zur Zeit schon in diese Richtung geändert worden bzw. in welchen Einrichtungen?
Moosbrugger: Ich habe den Anspruch, dass sich die Situation für die Alten in den nächsten 10 bis 15 Jahren langsam verbessert. Das geht nicht von heute auf morgen. Wir haben so eingefahrene Strukturen, wir haben auch immer noch ein ganz seltsames Altersbild: Grauslig, verwirrt, krank und mit Schmerzen.

Aspetos: Das seh ich ja an mir selber. Seit 35 hab ich das Gefühl, ich baue massiv ab.
Moosbrugger: Das ist doch ein kompletter Blödsinn! Überleg doch, was du in den letzten paar Jahren alles gemacht hast. Mit 20 oder 30 hättest du das nicht geschafft! Niemals! Ist das Abbau?

Aspetos: Das mein ich jetzt nicht, ich mein das Körperliche!
Moosbrugger: Geh ins Fitnessstudio, dann baust du auf!

Aspetos: Ich mach da ja eh viel Sport, aber trotzdem! Das Gewebe wird labbrig, die Schwerkraft siegt. In der Früh liegt das Dekolletee in Falten …
Moosbrugger: Ja und! Was ist daran schlimm? Das tut ja körperlich nicht weh!

Aspetos: Aber man merkt sichtbar, dass man altert. Es geht dem Ende zu. Langsam aber sukzessive.
Moosbrugger: Naja. Vergänglichkeit ist etwas, das jeder Mensch in sich hat. Das gehört zum Leben, dass es stirbt. Und die Vergänglichkeit hast du auch schon beim Säugling.

Aspetos: Aber je älter man wird, desto mehr spitzt es sich zu, oder?
Moosbrugger: Das stimmt, gegen das Lebensende hin spitzt es sich zu, aber das ermöglicht auch eine  ganz interessante Perspektive. Man verliert viel Zukunftsorientiertheit und lebt mehr im Augenblick. Man gewinnt an Gegenwartsorientiertheit. Der Augenblick zählt mehr als das, was in 3 Jahren sein wird. Das merkt man bei vielen alten Menschen, die sich im Alter noch einmal verlieben. Die zelebrieren das Hier und das Heute und das Jetzt. Die kurze Zeit, die sie gemeinsam hinter sich haben, wird immer wieder aufgewärmt und erzählt, wie und wo man sich kennengelernt hat und was man noch gemeinsam erleben darf. Aber es geht nicht mehr in die Richtung: “Wir wollen in 10 Jahren heiraten, ein Haus bauen, so und so viele Kinder, so und so viel verdienen etc.” Und das ist eigentlich das Schöne an der Vergänglichkeit. Das wir mehr im Jetzt leben, weil wir uns klar werden, dass nicht mehr so viel Zeit bleibt. Das können wir von ihnen lernen. Wir Jungen denken immer über die nächsten 15 bis 20 Jahre nach.

Aspetos: Was belastend ist! Wenn sich die Situationen in den Pflegeheimen in den nächsten 15 Jahren verbessert und das neue Konzept greift: Stellen wir uns vor, wir beide treffen uns mit 80 im Altersheim. Was hat sich bis dorthin getan, auf was dürfen wir uns freuen?
Moosbrugger: Auf viele kulturelle Angebote! Es wird Halligalli sein, weil es wird Rave-Partys geben und wir werden nicht um 17.30 im  Bett liegen. Es wird eine Bar geben, die die ganze Nacht offen hat, für die die nicht schlafen können. Die Zivildiener werden uns Bier ausschenken als Alternative zur Schlaftablette und wir werden eben in der Bar Kartenspielen und tratschen. Es wird in jedem Zimmer einen Internetzugang geben, wir werden per Mail kommunizieren. Es werden Flachbildschirme an den Decken und an den Wänden sein, für die Bettlägerigen, damit sie optische und akustische Stimulation haben und sich ihre Lieblingsfilme anschauen können. Es wird in der Einrichtung mehr auf das Rücksicht genommen werden, auf das was wir Alte als „das Daheim“ empfinden. Jetzt ist es ja so, dass die Heime für unsere Generation gebaut sind, nur blöderweis sind wir nicht alt! Welcher jetzt alte Mensch hatte z.B. zu Hause bei sich Fenster, die bis zum Boden gehen? Keiner. Und jetzt stecken sie dich in ein Haus, wo die Fenster bis zum Boden gehen! Und da solltest du dich zu Hause fühlen?

Aspetos: Wie sehen alte Menschen das? Fürchten sie sich?
Moosbrugger: Das macht Angst. Manche haben Angst, sie fallen runter. Das ist ein Schaufenster, kein „Daheim“! Die Architektur müsste für die Alten heute so ausschauen, wie sie es „daheim“ gehabt haben, also wie vor 50 Jahren. Die heutigen Glaspaläste sind dann was für uns, wenn wir 80 sind.

Aspetos: Aber das Daheim vor 50 Jahren hat ja auch nicht überall gleich ausgeschaut. Machen wir da nicht den selben Fehler, dass wir da wieder ein Klischee über eine Generation stülpen?
Moosbrugger: Das stimmt! Es müsste Ecken, Abteilungen geben, verschiedene Milieus quasi.

Aspetos: Die Stube, die Eckbank, die Kredenz …?
Moosbrugger: Genau, aber nur für die aus dem bäuerlichen Milieu. Es muss aber auch ein großbürgerliches Zimmer eingerichtet sein mit alten Fotos und Bildern von röhrenden Hirschen. Mit Deckchen und Untersetzern. Es muss auch eine Arbeiterwohnung geben, einfach und karg eingerichtet mit ein bissl Kitsch und trotzdem Liebe zum Detail. Und so weiter! Es soll natürlich auch die ganz normale zeitgemäße Ecke geben, die so eingerichtet ist, wie man heute eben einrichtet. Es geht um die Vielfalt. Das ist nicht nur Utopie, in Niederösterreich gibt es so ein Haus. Das ist super!

Aspetos: Gehen wir zurück in unser Altersheim der Zunkunft mit dieser Bar. Jetzt koch ich gern für Freunde. Kann ich das dort, hab ich da eine Küche für Einladungen?
Moosbrugger: Natürlich! Und du sollst einladen und auch Rückzugsmöglichkeiten ohne Überwachung  haben!

Aspetos: Wie ist das alles finanzierbar?
Moosbrugger: Ich glaube, dass die Finanzierbarkeit heute oft nur an kreativen Ideen scheitert. Wir haben ganz viele alte Menschen in Heimen, die gerne produktiv wären.

Aspetos: Das heißt, zwei G’schaftler wie wir, würden kostenlos für die Animation sorgen. Du tanzt für mich und ich koche für dich?
Moosbrugger: Genau! Oder wir machen einen Heimladen. Wir haben das Land voller „Bauernläden“. Was spricht dagegen, das nicht auch im Heim zu machen. Die jetzigen alten Männer waren ihr Leben lang berufstätig, die meisten Handwerker. Die haben sich über ihren Job definiert. Wieso sollen die nicht eine Werkstatt bekommen und z.B. Vogelhäuser bauen und verkaufen? Du musst einmal die Werkstatt ausstatten, das Material ist Abfall vom Tischler. Der Erlös geht zum Teil ans Heim und zum Teil an die Produzenten. Die Mädels können Marmelade einkochen, die kennen Rezepte, die gelten als verloren! Oder stricken! In einem Haus gibt es eine alte Dame. In ihrem Kasten stapeln sich die Jacken. Die strickt und strickt. Sie könnte sie verkaufen, aber niemand macht ihr ein Angebot.

Aspetos: Man könnte sich ja gegenseitig in der Grundpflege helfen: Wir machen uns gegenseitig die Pediküre oder so ähnlich.
Moosbrugger: Genau! Das funktioniert ja schon ihn Alten-WGs, dass man sich gegenseitig unterstützt und dadurch aktiviert, dadurch länger fit bleibt und länger glücklich lebt. Ein Mensch mit einer Aufgabe ist ein glücklicher Mensch. Nitzsche hat einmal gesagt: “Sisyphos war ein glücklicher Menschm, denn er hatte immer eine Aufgabe.“ Der Trend in den Altersheimen muss sein, dass sie Individualität zulassen und Beschäftigung ermöglichen, die dieser Individualität gerecht wird. Die Strukturen müssen so weit sein, das jeder individuell leben kann. Es ist eben nicht wie bei den Säuglingen, sondern geiler!

Aspetos: Dann fürchte ich mich jetzt nicht mehr so vor dem Altern, wie noch kurz vor unserem Gespräch und bedanke mich dafür!

Das Interview mit Markus Moosbrugger führte für Aspetos Dr. Christine Pernlochner-Kügler

Informationen zu DGKP Markus Moosbrugger:
Geboren 1970 in Hohenems/Vorarlberg
Gymnasium, Internat, Matura in Stams/Tirol
Pädagogische Akademie für Deutsch, Bildnerische Erziehung, Religion und Informatik
6 Jahre Hauptschullehrer in Kitzbühel
Lebenskrise mit 26 nach einem Todesfall
Neustart mit der Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflege
Arbeit als Pfleger auf einer Station für Hämatologie in der Klinik Innsbruck
Lehrer am Ausbildungszentrum West für Gesundheitsberufe
Direktor am Ausbildungszentrum West für Gesundheitsberufe

Mail: markus.moosbrugger@azw.ac.at Homepage: www.azw.ac.at