Studie: Warum Menschen Amoktaten begehen

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Eines natürlichen Todes zu sterben, nach schwerer Krankheit dahinzuscheiden oder den Folgen eines schweren Unfalls zu erliegen – all das ist für sich genommen schon schlimm genug für Familie und Hinterbliebene. Aber urplötzlich einen geliebten Menschen nach einem Amoklauf zu verlieren, das ist noch einmal eine andere Dimension des Leidens. Weil dieser Tod so unerwartet kam, weil er von einem anderen Menschen verursacht wurde, weil so viel rohe Gewalt und Hass mit im Spiel war.

Die blutigen Ereignisse der vergangenen Tage in Deutschland (Würzburg, München, Reutlingen und Ansbach) führen uns wieder einmal vor Augen, zu welchen Grausamkeiten manche Menschen fähig sind und wie hilflos wir derartigen Gewaltdelikten im Prinzip gegenüberstehen. Fassungslos bleibt oftmals nur die Frage: Warum begehen Menschen Amokläufe? Politik und Polizei wiederum fragen sich: Wie lassen sich Risikofaktoren identifizieren und die Gewalttaten verhindern?

Ursachen und Prävention von Amoktaten zu erforschen, ist das Ziel des Verbundprojekts TARGET (Tat- und Fallanalysen hoch expressiver zielgerichteter Gewalt), an dem die Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) mit dem Teilprojekt „Kriminologische Analyse von Amoktaten“ beteiligt ist. Im Rahmen der Forschungsarbeit wurden interdisziplinär Fälle junger und erwachsener Täter von (versuchten) Mehrfachtötungen anhand von Strafakten, Interviews und psychiatrisch-psychologischen Gutachten analysiert. Ende Juni wurden die Ergebnisse von Prof. Dr. Britta Bannenberg, Professorin für Kriminologie an der JLU und Leiterin des Gießener Teilprojekts, der Öffentlichkeit vorgestellt.

Das Forschungsteam untersuchte über drei Jahre nahezu alle Amoktaten junger Täter bis 24 Jahre in Deutschland zwischen 1990 und 2016, insgesamt 35 Fälle, darunter die Taten aus Erfurt, Emsdetten und Winnenden/Wendlingen. Die Gießener Studie zeigt, dass die jungen Amoktäter eine geplante Mehrfachtötung begingen, weil sie als sonderbare Einzelgänger psychopathologisch auffällig waren und nicht rational begründbare Motive zwischen Wut, Hass und Rachegedanken entwickelten. Ihre Persönlichkeit zeigt dabei narzisstische und paranoide Züge. Die jungen (ganz überwiegend männlichen) Täter sind extrem leicht zu kränken, aber nicht impulsiv oder aggressiv auffällig. Sie fühlen sich oft gedemütigt und schlecht behandelt, ohne dass die Umwelt dies nachvollziehen kann und beginnen, im Internet nach Vorbildern und Ventilen für ihre Wut zu suchen. Sie sinnen lange über Rache und eine grandiose Mordtat nach, entwickeln ausgeprägte Gewalt- und Tötungsphantasien. Insbesondere mit der Tat an der Columbine High School im April 1999, die im Internet in vielfältiger Form auffindbar ist, identifizieren sie sich oftmals, so die Erkenntnisse der Forscherinnen und Forscher.

Ganz offensichtlich gibt es also jugendtypische Aspekte dieser Taten: Die Inszenierung der Tat und die Selbststilisierung als sich rächendes Opfer ist eine jugendtypische Facette dieser Taten. Deshalb haben die in der Öffentlichkeit häufig als Ursache angeführten Ego-Shooter, Gewaltvideos und hasserfüllten Liedtexte sowie die Waffenaffinität nach Ansicht der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auch eine besondere Bedeutung: Als Inspiration und Verstärker für die schon vorhandenen Gewaltphantasien spielen sie eine Rolle bei der Selbstdarstellung der im realen Leben erfolglosen, überforderten und sich ständig gekränkt fühlenden Täter.

Die Forscherinnen und Forscher stellten sowohl bei den jugendlichen als auch bei der heterogeneren Vergleichsgruppe der erwachsenen Täter eine hohe Bedeutung des Suizids bzw. des Suizidversuchs nach der Tat fest. Es handelt sich hier nicht um depressive Verzweiflung, sondern um die Inszenierung eigener Großartigkeit. Die Täter demonstrieren ihre Macht und ihren Hass auf die Gesellschaft und/oder besonders attackierte Gruppen mit einer öffentlichkeitswirksamen Mehrfachtötung, der der Suizid folgt.

Das Gießener Team analysierte darüber hinaus eine Auswahl von 40 erwachsenen Tätern, überwiegend männliche Einzelgänger. Die Studie umfasste nur zwei Frauen. Bei den Erwachsenen dominiert die Psychose vor allem in Form der paranoiden Schizophrenie bei etwa einem Drittel, ein weiteres Drittel wies eine paranoide Persönlichkeitsstörung auf. Auch die anderen erwachsenen Täter sind psychopathologisch auffällig und zeigen häufig narzisstische und paranoide Züge. Sie sind leicht zu kränken, fühlen sich schlecht behandelt und nicht beachtet. Es finden sich auch psychopathische Persönlichkeiten ohne Empathie mit sadistischen Anteilen. Die Erwachsenen in den analysierten Fällen sind häufiger querulatorisch auffällig und scheitern in Beruf und Partnerschaft. Anders als bei jugendlichen Tätern spielt bei ihnen Alkohol- und Drogenmissbrauch eine Rolle als Verstärker. Erwachsene, so ein weiteres Ergebnis der Studie, orientieren sich nicht konkret an medialen Vorbildern und ahmen auch keine Kleidungsstile und andere jugendtypische Attribute nach, sie hinterlassen seltener Selbstzeugnisse. Allerdings dürften auch sie von Zeitströmungen und Medienberichten über extreme Gewalttaten inspiriert sein. Kern ihrer Motive sei Hass und Groll auf bestimmte Gruppen oder die Gesellschaft als Ganzes, weshalb sie ihre Taten auch oft als Racheakte verstehen, so Professorin Bannenberg.

Bei der Prävention ist nach Aussage der Studie danach zu unterscheiden, ob die Täter vor der Tat erkennbar sind und welche Behandlungsmöglichkeiten nach der Inhaftierung bzw. der Unterbringung im Maßregelvollzug wirksam sind. In der Untersuchung zeigte sich, dass junge Täter im schulischen Kontext vor allem ihren Mitschülerinnen und Mitschülern als seltsam oder bedrohlich auffallen und frühe Interventionen häufiger sind als bei Erwachsenen. Auch ist das Droh- und Warnverhalten der jungen Täter ausgeprägter. Bei Erwachsenen werden viele Warnsignale und Andeutungen der Tat häufig nicht ernst genommen oder nur im familiären Umfeld registriert. Polizei und Psychiatrie werden in der Regel nicht informiert, auch nicht, wenn die Personen als Sportschützen Zugang zu Schusswaffen haben. Auch im beruflichen Kontext wird nicht die Polizei eingeschaltet. Stattdessen versucht man eher, die betreffenden Mitarbeiter zu kündigen.