Trauern mit System?

Brandenburger Tor

Eigentlich müsste die Formel ja lauten: Mensch ist gleich Mensch. Und demzufolge sollten auch der Tod des einen Menschen und der Tod eines anderen in etwa das gleiche Gewicht haben, ein vergleichbares Gefühl der Trauer hervorrufen. Dem ist aber nicht so. Das kann man nach Attentaten oder Naturkatastrophen besonders gut an den unterschiedlich starken Reaktionen auf den Social-Media-Plattformen ablesen. Auch im politischen Geschäft werden bei Todesfällen deutliche Unterschiede gemacht. Evelyn Roll, Autorin der Süddeutschen Zeitung, hat sich im „SZ Magazin“ (Ausgabe 28/2017) die Frage gestellt, warum der Staat in Person seiner Vertreter nach manchen Terroranschlägen Betroffenheit zeigt, nach anderen jedoch nicht?

Das Anstrahlen von Baudenkmälern in den Nationalfarben des Landes, das von einem schweren Anschlag oder einer Katastrophe betroffen ist, hat sich neben verbalen Trauerbekundungen als symbolische Geste in den letzten Jahren durchgesetzt. Das Brandenburger Tor in Berlin ist gewissermaßen die deutsche Leinwand der öffentlichen Trauer. Nach dem Attentat von Orlando auf einen Schwulen-Club im Juni 2016 wurde die Sehenswürdigkeit sogar in den Farben des Regenbogens angestrahlt. Als im April 2017 eine Bombe in einer St. Petersburger U-Bahn 15 Menschen in den Tod riss, blieb die „Betroffenheitsillumination“ dagegen komplett aus.

Warum wird hier so ein Unterschied gemacht?

Auch auf unserer ASPETOS-Seite haben wir nach Orlando schnell die Möglichkeit eingerichtet, virtuelle Kerzen und Blumen zum Gedenken zu hinterlassen, nach dem Attentat von St. Petersburg jedoch nicht. Wir können uns also auch an die eigene Nase fassen. Die unterschiedliche Gewichtung liegt zu einem gewissen Teil sicherlich am Umfang der Berichterstattung in den Medien. Aber eben auch an der räumlichen Entfernung und vor allem an einem individuellen Zugehörigkeitsgefühl zu bestimmten Kulturkreisen und dem Bedürfnis, hier seine Solidarität zu zeigen.

Evelyn Roll orientiert sich auf ihrer Suche nach Antworten u.a. an dem Buch „Die Unfählgkeit zu trauern – Grundlagen kollektiven Verhaltens“ von den Psychoanalytikern Margarete und Alexander Mitscherlich. Sie hat dabei „Hypermoralisierer“ ausgemacht, die „ihre eigene Angst, Depression und Ich-Entleerung mit Ressentiments aufwerten und alles entwerten, was andere an Trauerarbeit versuchen: Hat da etwa jemand seine Anteilnahme, Betroffenheit und Trauer über einen Anschlag nicht hinreichend ausgestellt oder, noch viel schlimmer, durch falsche Symbole“?

Interessanter Aspekt. Gibt‘s also sogar beim Trauern schon Influencer, die die Richtung vorgeben? Von einer Inflation der öffentlichen Trauerbekundungen kann gleichzeitig aber keine Rede sein. Die „Liste von Terroranschlägen“ auf Wikipedia umfasst für das Jahr 2016 weltweit 113 Anschläge. Das wären im Prinzip Anlässe genug, um das Brandenburger Tor alle drei Tage in anderen Farben anzustrahlen. Doch diese Geste kommt eben nur ganz selten und ausgewählt zum Einsatz. Roll stellt in diesem Zusammenhang auch die provokante Frage „Warum überhaupt soll es Terroristen gelingen, mit ihren Irrsinnstaten die Wahrzeichen der Welt anzuknipsen“?

Gibt es eine Opfer-Hierarchie?

Auch der Berliner Kultursenator Klaus Lederer (Linke) hat schon zugeben, dass dem Procedere „ein willkürliches Moment“ anhaftet und es möglicherweise besser wäre, durch Verzicht auf die Beleuchtung die „Unterstellung auszuräumen, es gäbe hier eine Hierarchisierung der Opfer“. Kommen wir von der großen Politik noch mal zurück zu unserem privaten Verhalten. Sind wir angesichts der Vielzahl von Terroranschlägen nicht auch schon etwas abgestumpft inzwischen? Längst nicht mehr so viele Menschen wie noch vor zwei Jahren bekunden auf Facebook oder Twitter ihr Mitgefühl nach schrecklichen Vorfällen, ein „Je suis Barcelona“ oder ähnliches ist uns diesen August jedenfalls nicht häufig untergekommen.

Roll stellt sich in diesem Zusammenhang selbst die Frage: „Muss ich mich schämen, wenn mich achtzig Tote und 300 Verletzte bei einem Anschlag in Kabul weniger berühren als die zwölf Toten und 56 Verletzten vom Breitscheidplatz, der von meiner Wohnung nur 650 Meter entfernt ist?“ Hier scheint irgendwie das biblische Prinzip der Nächstenliebe im wortwörtlichen Sinne zu gelten. Dementsprechend endet auch Rolls Artikel: „Tag und Nacht zünden die Berliner immer noch Hunderte von Kerzen an und legen Blumen auf die Stufen zur Gedächtniskirche. Wenn ich vorbeigehe, denke ich an die, die hier gestorben sind, an ihre Familien, an den polnischen Lkw-Fahrer, an die, die in der Berliner Charité weiter um ihr Leben kämpfen. Ihre Namen kenne ich nicht. Aber ich habe sie mir zu meinen Nächsten gemacht.“

Hier geht‘s zum kompletten Artikel.

Foto: Commonswiki / Trautsch