Trauern und Mitfühlen am PC

Fragments of Him

Beim Thema Videospiele und Games denken viele erst einmal an Gewalt verherrlichende Ego-Shooter oder an stundenlange Sessions in abgedunkelten Räumen, die beim Dauerzocker irgendwann zur Vereinsamung führen. Doch es gibt auch rühmliche Ausnahmen in diesem Sektor, die vergnüglichen Zeitvertreib bieten, und ernsthafte, lehrreiche Spiele, die zum intensiven Nachdenken anregen.

„Fragments of Him“ aus der holländischen Entwickler-Schmiede SassyBot ist ein solches Game. Hier geht es um Tod, Verlust und Trauerbewältigung, aber auch um Hoffnung und Liebe. Ein derartiges Spiel ist uns in diesem Format noch nicht untergekommen. In der erzählerischen, interaktiven Geschichte dreht sich alles um den jungen Mann Will, der jäh aus seinen Hoffnungen und Träumen gerissen wird und nach einem tödlichen Autounfall gleich mehrere geliebte Menschen zurücklässt. Untermalt wird die bewusst wenig farbenfrohe Szenerie von Klaviermusik, die zugleich für eine traurige, aber auch beruhigende Atmosphäre sorgt.

In der Anfangssequenz des Games greift der Spieler in der Rolle des Will nach dem Schlüssel, verlässt die Wohnung und hält kurz inne, um sich bewusst und ausgiebiger als sonst zu verabschieden, weil er ja schon weiß, was laut Spiel-Drehbuch unausweichlich ist: der Tod des Protagonisten. Im Auto sitzend steigt schon die Verkrampfung und man ist geneigt, die Hände vors Gesicht zu halten. Dann ist es soweit: Ein Knall, der Bildschirm wird dunkel und Will weilt nicht mehr unter uns. Und damit beginnt „Fragments of Him“ erst so richtig.

Ab diesem Zeitpunkt wechseln die Perspektiven und die Zeiten, in denen man sich befindet. Man denkt plötzlich als (noch lebender) Will anders über seine Partnerschaft nach, erkennt, dass man den guten Dingen in seinem Leben viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat und sieht vieles im Wissen um die Zukunft von einer ganz anderen Warte aus. Dann schlüpft man in die Rolle der Großmutter, die einerseits liebevoll ist, aber ihrem Enkel Will auch immer wieder einimpft, dass ein großer Junge nicht weinen dürfe. Wiederholt heißt es von ihr, dass man sich anzupassen habe, um im Leben etwas zu erreichen. Unauffällig, gesellschaftskonform und normal – so hätte sie den Jungen gerne. Doch es kommt aus ihrer Sicht anders: Will fühlt sich zu Männern hingezogen.

Im weiteren Verlauf lernt der Spieler auch Sarah kennen, die Ex-Freundin, die sich im College in Will verliebte und ihn schließlich schweren Herzens an einen Mann freigeben musste. Nach dieser Rückblende, die die Vorgeschichte zeigt, durchlebt der Spieler nochmals den tödlichen Autounfall – und fühlt zunehmende Traurigkeit in sich aufsteigen, ganz so wie in bewegenden Kinofilmen auch. Anschließend erleben wir mit, wie sehr die Hinterbliebenen (speziell auch Wills schwuler Freund Harry) leiden und verzweifelt versuchen, die Erinnerungen aus ihrem Alltag zu vertreiben. Da wird der Kloß im Hals immer größer. Mehr wollen wir an dieser Stelle noch nicht verraten.

„Fragments of Him“ ist also kein typisches Computerspiel, es ist mehr eine interaktive, spielfilmartig aufgebaute Geschichte, in der wir uns in der PC-Version per Tastatur oder Maus fortbewegen, gelb aufleuchtende Objekte anklicken und so Audio-Sequenzen aufrufen und Stück für Stück mehr in die Story eintauchen. Wir folgen meist dem jeweiligen Charakter durch seine Erinnerungen und Gedanken, durchleben mit ihm gemeinsam Trauer und Verlust. Und entwickeln ungeahntes Mitgefühl vor dem Bildschirm.

Hier zeigt sich also, dass schwierige Themen wie Tod und Trauer auch in Computergames gut umgesetzt werden können. Das Spiel ist seit 3. Mai zum Preis von 19,99 Euro für den PC im Handel erhältlich. Eine Xbox-One-Version folgt laut Auskunft der Entwickler in Kürze, eine PS4-Umsetzung noch im Laufe des Jahres.