Warum werft ihr die Toten nicht auf den Komposthaufen?

DGKS Patrizia Pichler

thanatologie 1
Instrumnetarium des Thanatologen. Foto: Roland Mühlanger
Moderne Verstorbenenversorgung und Abschied am offenen Sarg – Sinnvoll oder “verdächtig amerikanisch”?

„Moderne Verstorbenenversorgung“ und „Thanatologie“ sind Begriffe, die in der Bestattungsbranche in den letzten 5 Jahren immer häufiger zum Thema geworden sind. Aber auch Laien und Angehörige haben Vorstellungen davon, was Thanatologen bei der modernen Versorgung tun: Sehr häufig ist bei Angehörigen und Laien die Vorstellung verbreitet, dass Thanatologen Verstorbene schminken. Das klingt natürlich „amerikanisch“ und alles, was „amerikanisch“ klingt, ist für Österreicher zunächst natürlich verdächtig.

Aspetos möchte aufklären, welche Tätigkeiten am Verstorbenen die Thanatologie umfasst und was genau die Ziele der Verstorbenenversorgung sind, denn eines ist gewiss:

„Leichenschminker“ sind wir nicht!

“Thanatologie”, vom Altgr. „thanatos“, heißt „der Tod“, und Thanatologie kann mit „Lehre vom Tod“ übersetzt werden. Thanatologie bezeichnet einerseits das Wissen von der modernen Verstorbenenversorgung (der Thanatopraxie), andererseits die psychologischen Grundlagen der Trauer, der Krisenintervention und der Psychotraumatologie.

“Thanatopraxie” ist als Teilgebiet der Thanatologie die praktische Versorgungstätigkeit am Leichnam und Dienstleistung des speziell dafür qualifizierten Bestatters.

Thanatopraktische Tätigkeiten am Leichnam

Bei der hygienischen Grundversorgung wird der Verstorbenen zuerst desinfiziert und gewaschen, die Totenstarre wird durch Massage gelöst. Das Verschließen der Körperöffnungen verhindert den Flüssigkeitsaustritt. Auf diese Art und Weise wird Geruchsbildung verzögert, da Verwesung zunächst im Innern (Magen und Darm) geschieht. Mund und Augen werden dauerhaft geschlossen, wodurch ein friedlicher Ausdruck gewährleistet wird.

Zur Thanatopraxie gehören aber auch Maßnahmen der Restauration bei Entstellung nach einem Unfall oder Suizid.Hier wird eine Hygienische Grundversorgung in Kombination mit entsprechender Wundversorgung durchgeführt: Blutungen werden gestillt, Wunden werden trockengelegt, verbunden oder vernäht. Im Falle mehrfacher Knochenbrüche muss der Körper stabilisiert werden. Deformationen im Bereich des Schädels und des Gesichtsskelettes werden plastisch behandelt.

Auch die Einbalsamierung ist Dienstleistung des Thanatopraktikers: Immer häufiger finden Beerdigungen oder Abschiednahmen zeitlich verzögert statt, weil die Familien über die Kontinente verstreut leben und es seine Zeit dauert, bis alle am Ort des Abschieds sein können. Oft sind konservierende Maßnahmen aber auch für Überführungen ins Ausland Vorschrift.
Die Einbalsamierung, bei der eine formaldehydhaltige Konservierungsflüssigkeit in das Kreislaufsystem injiziert wird, ermöglicht die Verzögerung des Verwesungsprozesses um 2 bis 3 Wochen.

Und am Ende kommt die Schminke?

Und am Ende kommt die Schminke, aber nur dann, wenn es der ausdrückliche Wunsch des Verstorbenen bzw. der Angehörigen ist. Sonst nicht.

Wozu das alles?

“Wozu so ein Theater kurz vor einer Kremation bzw. kurz bevor dann sowieso Verwesung einsetzt?”,ist eine häufig geäußerte Frage.

Dazu eine kleiner Dialog zwischen einer Bestatterin und ihrem Sohn:

Mein 6-jähriger Sohn hat einmal ein bisschen laut nachgedacht und gefragt:

„Warum macht ihr das alles mit den Toten, wenn sie eh gleich in den Sarg müssen und dort braun und stinkig werden? Warum werft ihr die Toten nicht auf den Komposthaufen zu den anderen fauligen Sachen?“
Ich hab dann zurückgefragt: „Was meinst du, warum wir das nicht machen?“
„So ein Skelett auf dem Kompost macht sich nicht gut“, meinte mein Sohn darauf. Nach einer Pause sagte er dann: “Ein Mensch ist aber vielleicht auch etwas Wichtigeres als eine stinkige Banane, oder?”
Der Nachsatz hat mich dann doch sehr erleichtert´.

Versorgen und Versargen

Die Versorgung des Verstorbenen ist ein letzter Dienst am Menschen und Zeichen dafür, dass der Verstorbene wichtig war, – keine stinkige Banane eben.
In einer Zeit, in der Trauerrituale weniger werden und immer mehr „Entsorgungen“ stattfinden, immer mehr Einäscherungen ohne Trauerfeier stattfinden und die Zahl der Sozialbegräbnisse ansteigt, weil sich niemand mehr findet, der die Bestattung bezahlen will, ist Thanatologen der würdevolle Umgang mit den Verstorbenen und die dafür notwenigen Kompetenzen wichtig. Dennoch: Einen Verstorbenen zu versorgen, einfach nur um ihn „würdevoll einzusargen“ ist nicht alleiniges Ziel eines kompetenten Bestatters und Thanatologen.

Versorgen, um Abschied zu nehmen

Ein kompetenter Bestatter und Thanatologe beherrscht die Techniken der Verstorbenenversorgung nicht nur um den Leichnam ordnungsgemäß zu versargen, er kann den Angehörigen auch einen Abschied am offenen Sarg anbieten, seine Wichtigkeit erklären und diesen Abschied kompetent und den jeweiligen Bedürfnissen der Angehörigen entsprechend vorbereiten und begleiten. Dafür ist Know-How erforderlich, das weit über die Arbeit am Leichnam und das Versargen hinausgeht.Thanatologie umfasst neben der Arbeit am Leichnam auch psychologisches und kommunikatives Wissen und vor allem auch Erfahrung im Umgang mit Menschen in Ausnahmesituationen.

Was bringt die Thanatologie für den Abschied vom Verstorbenen?

Trauer ist schwere Arbeit: In der Trauerarbeit sind vom Trauernden aktiv Aufgaben zu lösen. Man kann sagen, dass in jeder Trauerphase eine Aufgabe zu lösen ist, die den Trauernden einen Schritt weiter in der Bewältigung bringt.

Die erste Trauerphase ist die des Schocks, der Betäubung. Angehörigen hören vom Tod ihres geliebten Menschen, können ihn aber nicht wahrhaben. Sie können nicht fassen, was passiert ist und fühlen auch nichts. Gefühlstaubheit ist typisch für diese erste Phase. Wenn der Tod nicht realisiert wird, können keine Trauergefühle aufbrechen.

Die erste Aufgabe des Angehörigen in dieser Phase ist es, den Verlust, also den Tod der Person zu realisieren.
Der persönliche Abschied vom Toten ermöglicht es, die Realität des Todes zu „begreifen“. Durch das „körperliche Begreifen“ beim offenen Abschied kann in der Folge realisiert werden: “Diese Person ist tot. Sie schläft nicht. Sie ist kalt. Sie kommt nie wieder zurück.” Dieses Begreifen der Realität des Todes ermöglicht aber das Aufbrechen der Trauergefühle. Das ist sehr schmerzhaft, aber es beginnt damit ein gesunder Prozess der Bearbeitung.

Bei der Begleitung von Abschiednahmen ist sehr wichtig, dass es einen körperlichen Kontakt zwischen Angehörigen und Verstorbenen gibt. Abschiede gehen im Leben immer auch mit Körperkontakt einher: Wir geben einander die Hand oder umarmen und küssen uns zum Abschied. Der letzte Abschied macht hier keine Ausnahme. Im Gegenteil, es ist ja der letzte und insofern ist er besonders wichtig! Außerdem: Durch das Fühlen der Kälte und Starre wird der Tod sehr bewusst, es wird klar, dass hier „nur“ der Körper der Person liegt. Diese Wahrnehmung macht es auch möglich, dass Angehörige leichter loslassen können.
Kompetente Begleiter wissen, wie sie Berührungsänsgte gemeinsam mit Angehörigen überwinden können, dass ein gelungener Abschied stattfinden kann.

Wenn Angehörige ins Bestattungsinstitut kommen, um sich vom Verstorbenen zu verabschieden, dann wirken sie zunächst meist sehr gefasst. Was mit Fassung verwechselt wird, ist aber oft der Schockzustand der ersten Trauerphase des Nicht-Wahrhaben-Wollens. Wenn Thanatologen Angehörige dann zum Verstorbenen begleiten, kann man den Realisierungsprozess und das Aufbrechen der Gefühle sehr deutlich sehen.
Der Bestatter, der einen Abschied kompetent vorbereiten und begleiten kann, leistet hier einen unglaublich wichtigen Beitrag zum Anstoß des Trauerprozesses: Er verhilft dem Angehörigen vom „Nicht-Wahrhaben-Wollen“ zur Lösung der ersten Aufgabe – der Realisierung des Todes. Und gleichzeitig verhilft er damit zum Schritt in die nächste Trauerphase, in der Gefühle aufbrechen und auch zugelassen werden sollen.

Moderne Verstorbenenversorgung und psychologisch fundierte Abschiedsbegleitung verbessern die Bedingungen unter denen Abschiede stattfinden deutlich, weil damit gewährleistet wird, dass der Verstorbene friedlich aussieht und weil ein Kontakt zum Verstorbenen hergestellt wird, der das Abschiednehmen ermöglicht.

Dr.Christine Pernlochner-Kügler

Näheres zur Fortbildung “Moderne Verstorbenenversorgung & Abschiednahme” finden Sie in der Aspetos-Rubrik “Fortbildungen”.