Vom Sterben lernen

Wenn wir die Natur beobachten, sehen wir, wie bunt und vielfältig sie ist. Gleichzeitig sehen wir, wie alles, was die Natur erschafft, eine begrenzte Lebensspanne hat: Wir können eine Blume beobachten, wie sie aus dem Boden wächst, erblüht, ihre Samen ausstreut, mit der Zeit verwelkt und wieder zu Boden fällt. Doch auch ihre Samen fallen zu Boden, bringen neue Blumen hervor, welche wiederum erblühen, verwelken und eines Tages sterben. Dasselbe Schicksal durchlaufen auch Bäume, Berge und Planeten. Sie alle entstehen und vergehen wieder.

Spätestens im Alter wird uns Menschen klar, dass wir dasselbe in vollem Umfang durchmachen. Nach der Zeit des Wachsens und Reifens bemerken wir, dass langsam unsere Kräfte nachlassen und wir werden bedürftiger. Während unsere Kräfte nach und nach schwinden, bleibt uns nichts anderes übrig, als zu erkennen, dass der Tod immer näher rückt.

Die Angst vor dem Nachlassen der eigenen Kräfte und dem Sterben ist gerade in der westlichen Kultur sehr groß. Das ist aber nicht verwunderlich, da wir unser Wertesystem auf Wachstum und Expansion gegründet haben. Wir sehen es gerne, wenn alles wächst, blüht, immer weiterlebt und uns so die Sicherheit des Fortbestandes gibt. Und wenn augenblicklich das beseitigt wird, was das Wachstum behindert.

Dabei übersehen wir das Leben, wie es sich im Spiel von Geburt und Tod zeigt. Blühen und Verwelken – die Natur scheint ihre Freude daran zu haben. Für viele Menschen ist es aber nicht so. Warum?

Wir Menschen stellen die Wachstumsphase in den Vordergrund. Wir schmieden Pläne für unsere Zukunft, haben genaue Vorstellungen, wie sich unser Leben entfalten soll. In den meisten Fällen blenden unsere Pläne und Vorstellungen die andere Seite des Lebens aus. Unsere Pläne beinhalten keine Krankheiten, Scheidungen, Schicksalsschläge, kurz: kein Scheitern und keine Vergänglichkeit, die dem Leben so eigen sind.

Früher oder später werden wir mit der Sterbephase, der Rückwärtsbewegung oder dem Alterungsprozess konfrontiert und darauf sind wir nicht vorbereitet: Wir erleben eine Rezession, einen Unfall, eine schwere Krankheit oder den Tod eines nahen Menschen. Wir sehen der Vergänglichkeit ins Auge und unsere Pläne und Vorstellungen verlieren auf einmal ihren Sinn.

Das empfinden wir als schmerzvoll und ungerecht, denn wir wurden unserer Sicherheiten und Pläne „beraubt”. Deswegen fürchten wir uns vor der Sterbephase des Lebens.

Wir blenden aber damit eine wesentliche Seite des Lebens aus, solange wir nur auf das Mysterium des Lebens vorwiegend von der Seite der Geburt, des Entstehens und des Wachsens schauen.

Der Tod ist etwas Alltägliches. Damit etwas Neues entstehen kann, wird das Sterben gebraucht. Jede Veränderung, die wir machen, beginnt mit dem Loslassen von etwas. Wir durchwandern ständig unzählige kleine Tode, sonst könnten wir nicht einmal einen Schritt vor den anderen setzten. Denn dazu müssen wir uns davon lösen, wo wir gerade waren, um dorthin zu kommen, wohin wir gerade gehen.

Jeder Verlust ist ein kleiner Tod. Selbst um schlafen zu können, müssen wir für den Moment des Einschlafen loslassen, uns selbst vergessen – in anderen Worten – sterben können. Der Tod ist der Moment der Lösung und des Loslassens. Loslassen unserer Pläne und Vorstellungen. Loslassen unseres Körpers.

Wenn wir die „kleinen Tode” in unserem Alltag sehen, anerkennen und zulassen können, wenn wir sie als etwas Natürliches, als etwas, das zum Leben dazugehört, annehmen können, dann fällt es uns leichter, wenn das Sterben oder der Tod mal in einer größeren Portion in unser Leben kommen. Wenn wir aber über die andere Seite des Lebens nachzudenken beginnen, erst wenn wir damit heftig konfrontiert werden, wird es schwierig: Es ist, als würden wir ohne Fallschirm aus einem fliegenden Flugzeug springen und fünfzig Meter über dem Boden über die Landung, den Aufprall und einen Fallschirm überhaupt erst nachzudenken beginnen.

Viele Menschen sind dadurch verwirrt, dass in unserer Kultur das Leben und das Sterben so getrennt sind. Die bekannte Ärztin Kübler-Ross fasste dieses Dilemma in einem Satz zusammen. Sie sagte sinngemäß: „Der Mensch heutzutage weiß nicht wie er leben und er weiß nicht wie er sterben soll.” Die Beschäftigung mit dem Tod oder der Vergänglichkeit ist neben Liebe und Mitgefühl das wichtigste Thema des menschlichen Lebens, über das kaum gesprochen wird.

erstmalig veröffentlicht am 08.11.2013

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