Vorsicht Familie! Familiäre Trauerprobleme

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Foto: Michael Berger/pixelio.de
Familie als Auffangnetz – Familie als Konfliktpotential

Unmittelbar nach einem Todesfall rücken Familienmitglieder in der Regel eng zusammen und versprechen füreinander da zu sein. Das Gefühl der Verbundenheit und Harmonie ist gerade in der ersten Zeit wichtig und tröstend. Sehr häufig entstehen aber auch große, teilweise überhöhte Erwartungen an „die Familie“ als Ganzes. Rasch zeigt sich nämlich, dass die einzelnen Familienmitglieder unterschiedlich trauern und auch verschiedene Strategien in der Trauerbewältigung entwickeln.

Auf die anfängliche, Trost spendende Harmonie folgen Enttäuschungen, Unverständnis, Verletzungen und Konflikte. Streitigkeiten oder ungesundes Schweigen vergiften das Familien-Klima nach und nach: Man spricht nicht mehr darüber, um sich gegenseitig nicht zu verletzen. Man weicht Konflikten aus und schlussendlich bleiben die einzelnen Familienmitglieder mit ihrem Schmerz alleine. Die Familie, die eigentlich Auffangnetz sein sollte, entwickelt sich zu einem kränkenden Gefüge: Aus dem Miteinander entsteht Einsamkeit oder sogar ein Gegeneinander.

Charlotte Roche verarbeitet in ihrem neuen Roman „Schoßgebete“ ihr Familientrauma: Auf dem Weg zu ihrer Hochzeit verunglückten ihre drei jüngeren Brüder tödlich. Ihre Mutter überlebt schwerstverletzt. Ihre Hochzeit wird nach diesem Ereignis nie stattfinden:

„Wir starren an die Decke, erschöpft vom Verarbeiten, von den guten und den schlechten Nachrichten. Schweigen uns an und schlafen weg. Man kann einander nicht helfen dabei. Das hab ich am ersten Tag schon gemerkt. Jeder ist für sich allein. Da fing es an. Das Alleineverarbeiten. Das unterschiedliche Trauern. Der Ekel vor der Trauer der anderen. So ein Erlebnis bringt nicht zusammen, das treibt auseinander. Wir halten nicht zusammen. Wir halten auseinander.“


Bio-Rhythmen der Trauer

Gesunde Trauerarbeit verläuft bei allen Menschen in Wellen: Auf eine Schmerzwelle, die der Verarbeitung dient, folgt eine Phase der Erholung, in der der Schmerz abklingen kann. Dieser Wechsel ist gesund und gleicht dem Arbeitsalltag eines Menschen, der ja auch Erholung erfordert, um die Leistungsfähigkeit und Gesundheit auf Dauer zu erhalten. Bei den einzelnen Familienmitgliedern kristallisieren sich allerdings unterschiedliche Rhythmen heraus. Sie befinden sich nicht gleichzeitig im Arbeits- oder Erholungsmodus. Die Wellengänge des Schmerzes verlaufen unterschiedlich. Wenn sich der eine dann gerade von einer Schmerzwelle erholen kann und durch andere Familienmitglieder wieder mit dem Schmerz konfrontiert wird, dann stört das nicht nur seinen persönlichen „Trauer-Bio-Rhythmus“ und die Erholung bleibt aus, es macht auch wütend. Mit Aggression und Wut reagieren wir Menschen immer dann, wenn ein dringendes Bedürfnis frustriert wird.

Unterschiedliche Bewältigungsstrategien

Zudem befinden sich die einzelnen Familienmitglieder selten gleichzeitig in derselben Trauerphase und sie bewältigen die Traueraufgaben auch ganz unterschiedlich. Menschen unterscheiden sich eigentlich nicht so sehr in der Trauer, sondern vielmehr in ihren Bewältigungsstrategien:

  • Der eine will drüber reden, der andere vermeidet das lieber.
  • Der eine möchte alle Erinnerungsstücke wegräumen, der andere will den Verstorbenen immer präsent haben.
  • Männer trauern anders als Frauen.
  • Kinder und Jugendliche trauern anders als Erwachsene.
  • Etc.

Familiäre Muster, die die Gefahr von Kränkung und Krankheit in sich tragen:

Die Harmonie-Familie als Pseudogemeinschaft

Für die „Harmonie-Familie“ ist es wichtig, dass die Familie nach außen hin perfekt, konfliktfrei und harmonisch wirkt, dabei wird die gemeinsame Trauer als Mittel genutzt, die vordergründige Familienharmonie nicht zu gefährden. Die Unterschiede des Trauerns werden von den einzelnen Mitgliedern geleugnet und alle werden auf ein einheitliches Trauerniveau fixiert.

Kristallisieren sich Unterschiede heraus, werden diese als eine Bedrohung für das Familien-System als Ganzes darstellt. Wut und Aggression als natürliche Reaktionen einer Verlustsituation müssen unterdrückt werden. Diese unnatürliche Atmosphäre erzeugt großen Druck und Spannung bei den einzelnen Familienmitgliedern und geht auf Dauer nicht gut!

Fixierung in der Idealisierung

Wir haben Menschen gegenüber, auch wenn wir sie noch so sehr lieben, immer ambivalente Gefühle, das heißt, positive und negative Gefühle. Wenn ein Familien-Mitglied stirbt, wird es zunächst meistens idealisiert. Es werden nur die positiven Eigenschaften erinnert. Allmählich muss das Bild des Verstorbenen aber wieder differenziert und der Verstorbene mit seinen Ecken und Kanten erinnert werden, da sonst der Prozess der Loslösung und Neuorientierung erschwert wird. Wird der Verstorbene auf Dauer nur idealisiert, muss gleichzeitig ein anderes Familienmitglied die negativen Gegenrolle einnehmen. Das heißt, eine lebende Person wird negativ wahrgenommen und zur Zielscheibe aller Aggressionen:

  • Die verstorbene Mutter wird zur Heiligen, die neue Partnerin des Vaters zur bösen Stiefmutter.
  • Das verstorbene Kind wird vergöttert, das lebende Kind wird mit dem Ideal-Kind verglichen und leidet darunter.
  • Das lebende Kind versucht dann häufig so zu werden, wie das verstorbene Kind.
  • Etc.

Störung des familiären Gleichgewichtes

Jede Familie ist ein System und hat ihr Gleichgewicht, dabei nehmen alle Familienmitglieder eine bestimmte Rolle ein, um das Gleichgewicht zu erhalten: Es gibt die Starken, die Schwachen, die Ängstlichen, die Denker, die Bodenständigen, die Kreativen … Kommt ein neues Familienmitglied hinzu oder fällt ein Familienmitglied weg, führt dies zunächst immer zur Störung des Familien-Gleichgewichtes. Die Aufgabe der Familie ist es, dieses Gleichgewicht allmählich wieder herzustellen, dabei gibt es aber oft Probleme: Nach einem Todesfall übernimmt oft ein anderes Familienmitglied die Stellung des Verstorbenen. Natürlich kann der Verstorbene aber nicht „ersetzt“ werden und das Familienmitglied gerät in einen Rollen-Zwiespalt und wird überlastet.

Wichtige Fragen sind daher:

  • Welche Rolle hatte der Verstorbene?
  • Wie können wir mit der offenen Stelle leben lernen? Was ändert sich?
  • Wie verteilen wir seine Aufgaben und Funktionen untereinander, dass kein einzelner überlastet wird.

Krankmachende Rollenaufteilung

Nach einem Trauerfall entwickelt sich häufig eine starre Rollenaufteilung zwischen dem „Trauernden“ und dem „Tröster“, dem „Schwachen“ und dem „Starken“. Der Mann fühlt sich zum Beispiel nicht selten verpflichtet stark zu sein, um seine trauernde Frau zu schützen und zu stützen, was zu Beginn von beiden Seiten als befriedigend erlebt wird. Bei strenger Aufrechterhaltung führt eine solche Rollenteilung aber zu Problemen und kann krank machen, denn der starke Tröster wird in seiner Trauer blockiert, während der Schwache schwach bleibt und chronisch trauert. Wird der Starke zeitverzögert schwach, stößt er nicht selten auf Unverständnis.

Bündnisse

Das Gleichgewicht kommt aber oft auch ins Wanken, weil neue Bündnisse geschlossen werden. Wir Menschen neigen dazu, 2er-Bündnisse einzugehen. Wenn in einer 4-köpfigen Familie ein Mitglied stirbt, bleibt oft einer alleine oder es ergeben sich überhaupt neue Büdnisse, was zu Spannungen und Kummer führt. Wenn Zweierbündnisse entstehen und dadurch einer allein bleibt, sollten diese bewusst zu Dreier-Allianzen erweitert werden.

Gegeneinander oder miteinander trauern?

Konflikte sind, wenn Menschen zusammenleben, ganz normal: Man kann sie also nicht verhindern, aber man kann sie als Chance für ein neues Miteinander sehen.

Familiäre Trauerprobleme ergeben sich also immer. Was hilft?

  • Die Einsicht: Konflikte sind normal, man kann Konflikte nicht verhindern!
  • Das Bewusstsein: Unterschiede in der Trauer sind normal und gut!
  • Konflikte sind eine Chance zur Verbesserung des Miteinanders!
  • Kein Anklagen und Verurteilen, sondern ein Bemühen um Verständnis.
  • Gesprächsbereitschaft aber kein Gesprächszwang!
  • Offenheit über eigene Bedürfnisse!
  • Akzeptanz und Toleranz gegenüber den Bedürfnissen der anderen!

Quelle: Hans Goldbrunner: Trauer und Beziehung: Systemische und gesellschaftliche Dimensionen der Verarbeitung von Verlusterlebnissen. Grünewald, 1996.