Zeit heilt die Wunden der Trauer – wenn auch spät

Eine Naturkatastrophe, ein Verkehrsunfall oder eine schwere Krankheit – für den Tod eines geliebten Menschen können vielerlei Ursachen verantwortlich sein. Der Schock sitzt auf jeden Fall tief. Doch wie überwinden die Betroffenen ihren Verlust? Und wie lange dauert der Prozess des Trauerns normalerweise? Psychologen der Universität Würzburg haben diese Fragen in einer aktuellen Studie mit mehr als 500 Teilnehmern untersucht. Ihre Ergebnisse widersprechen einigen gängigen Vorstellungen vom Trauern.

Exakt 521 Teilnehmer, ein Großteil von ihnen verwitwet oder verwaiste Eltern, haben für diese Studie ihr Erleben nach dem Verlust ihnen sehr nahestehender Menschen anhand eines neuen Fragebogens beschrieben. So konnten die Wissenschaftler verschiedene Aspekte des Trauerns messen. „Wir haben uns dabei besonders für den Einfluss der Zeit seit dem Verlust, also für die Dauer des Trauerprozesses interessiert“, erläutert Joachim Wittkowski, Seniorprofessor an der Fakultät für Humanwissenschaften der Universität Würzburg den Schwerpunkt der Studie. Er hat gemeinsam mit Dr. Rainer Scheuchenpflug, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Psychologie III, die Untersuchung durchgeführt.

Betrachtet man zusammenfassend die Antworten von Personen, deren Verlust eine ähnlich lange Zeit zurückliegt, so zeigen sich insbesondere während der ersten zweieinhalb Jahre nach dem Todesfall deutliche Veränderungen. „Innerhalb des ersten Jahres nehmen Beeinträchtigungen durch unangenehme Gedanken und Gefühle einerseits und das Empfinden der Nähe zu der verstorbenen Person andererseits an Intensität stark zu“, schildert Joachim Wittkowski ein zentrales Resultat der Studie. Ähnlich stark nehme dann die Intensität während der folgenden zwölf bis 18 Monate auch wieder ab. Die Wissenschaftler sprechen von einem umgekehrt u-förmigen Verlauf. Insgesamt ist festzustellen, dass Frauen stärker unter dem Verlust einer nahen Bezugsperson als Männer.

Ein weiteres Ergebnis der Studie: Auf längere Sicht, das heißt, über den Zeitraum von drei Jahren hinaus, lassen sowohl die Beeinträchtigungen als auch das Empfinden der Nähe zur verstorbenen Person beständig nach. „Interessant ist, dass am Ende der ‚heißen Phase‘ des Trauerns sowohl positive Erlebens- und Verhaltensmöglichkeiten zunehmen als auch die Fähigkeit zu Anteilnahme und Mitgefühl mit anderen Menschen wächst“, sagt Wittkowski. Dieser Trend bleibe auch mehr als zehn Jahre nach dem Verlust erhalten. Schuldgefühle blieben dagegen langfristig nahezu unverändert auf einem mittleren Intensitätsniveau.

Aus Sicht der Wissenschaftler korrigieren diese Ergebnisse einige gängige Vorstellungen vom Trauern. „Neben Kummer ist Trauern auch mit persönlichem Wachstum verbunden, das von den Betroffenen rückblickend positiv erlebt wird“, erklärt Joachim Wittkowski. Die Bewältigung des Verlusts eines geliebten Menschen könne also zu einer vorteilhaften Veränderung des Betroffenen führen. „Die Zeit bringt den Schmerz des Trauerns nicht zum Verschwinden, sie vermag ihn aber zu lindern“, so der Autor weiter.

Trauern ist ein Prozess, der sich lange hinzieht – auch das führt die Studie vor Augen. Für viele Betroffene ist dieser Prozess also nicht nach wenigen Monaten und auch nicht nach dem traditionellen Trauerjahr abgeschlossen. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass sich erst im zweiten Jahr nach dem Verlust entscheidet, ob die Beeinträchtigungen abnehmen oder auf hohem Niveau bestehen bleiben, ob also ein normaler Bewältigungsprozess oder ein behandlungsbedürftiges Trauern vorliegt“, so die Wissenschaftler.

Originalstudie: Joachim Wittkowski, Rainer Scheuchenpflug: Zum Verlauf „normalen“ Trauerns. Verlusterleben in Abhängigkeit von seiner Dauer. Veröffentlicht in der Zeitschrift für Gesundheitspsychologie, Ausgabe 23, S. 169-176