Sterbehilfe-Debatte: Steigt der Druck auf Senioren?

SterbehilfeEin aktuelles Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte hat in der Schweiz die Debatte um die Sterbehilfe neu entfacht. Die Straßburger Richter hatten die Eidgenossen wegen unklarer Formulierungen in den Rechtsbestimmungen zur Sterbehilfe gerügt und die Politiker des Alpenlandes aufgefordert, die entsprechenden Regelungen zu überprüfen.

Konkret ging es um eine 82-jährige Frau, der die Behörden den Erwerb einer tödlichen Medikamentendosis nicht erlaubt hatten, weil sie zwar schwach aber nicht schwerkrank gewesen sei. Laut dem Gerichtsurteil – mit vier gegen drei Richterstimmen – ist darin ein Verstoß gegen Artikel 8 der Menschenrechtskonvention zu sehen, dem Recht auf Achtung des Privat- und Familienlebens.

Beihilfe zum Suizid

Die Debatte in der Schweiz dreht sich nun vor allem darum, ob und wie die Beihilfe zum Suizid genauer geregelt werden könnte und welche besonderen Aufgaben die Gesellschaft dabei hat. Die Ethikerin Ruth Baumann-Hölzle etwa befürchtet im Interview mit der Schweizer Tageszeitung Blick, dass die Handlung in der Öffentlichkeit noch mehr akzeptiert würde und dadurch ihre Tragik verliere. Das könnte im schlimmsten Fall den Druck auf alte und kranke Menschen erhöhen, Beihilfe zum Suizid in Anspruch zu nehmen.

In die Diskussion hat sich auch die Schweizer Stiftung Pro Senectute eingeschaltet, die sich ganz dem Dienst an älteren Menschen verschrieben hat. In einem Positionspapier sprach sich die Organisation für das Recht auf selbstbestimmtes Sterben aus und führte als Begründung den sozialen Wandel an. Die Legalisierung der aktiven Sterbehilfe wird dagegen weiterhin abgelehnt. Darüber hinaus setzt sich Pro Senectute aber auch für eine stärkere Suizidprävention bei alten Menschen ein, damit etwa Depressionen früh erkannt und behandelt werden können.

Leidfreies Leben und Sterben

Die zunehmende Alterung der Gesellschaften in den westlichen Industrienationen stellt diese vor große Herausforderungen. Schließlich schwebt den Menschen das Ideal eines längeren Lebens, das durch moderne Medizin möglich gemacht wird, und gleichzeitig eines schmerzfreien Todes vor. Beihilfe zum Suizid wird zunehmend gewünscht und gesellschaftsfähig. Aber Ruth Baumann-Hölzle warnt: Die Illusion des leidfreien Lebens und Sterbens könne schnell „zur totalitären und sektenähnlichen Gesellschaftsbewegung werden“.

Die aktive Sterbehilfe ist in der Schweiz – wie in Deutschland und Österreich auch – verboten. Schweizer Sterbehilfe-Organisationen wie Exit oder Dignitas dürfen aber unheilbar kranken Menschen tödliche Medikamente zur Verfügung stellen, die diese dann selbst einnehmen müssen. Bei dem oben angesprochenen Fall, der vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verhandelt wurde, hatte Exit der 82-jährigen Frau das Angebot eines solchen Medikaments verweigert.

Weiterführende Links:

Ethikerin Ruth Baumann-Hölzle über die Sterbehilfe-Debatte – Blick.ch
http://www.blick.ch/news/politik/alte-und-schwache-duerfen-nicht-zum-suizid-gedraengt-werden-id2303355.html
Schweiz soll Sterbehilfe-Regelung überprüfen – Spiegel Online
http://www.spiegel.de/panorama/justiz/egmr-schweiz-soll-sterbehilfe-regelung-ueberpruefen-a-899612.html