Jenseitskontakte? Die Tricks spiritistischer Medien

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Ein Kommentar von Dr. Peter Kügler

Der Glaube, dass man mit Geistern von Verstorbenen Kontakt aufnehmen kann, ist Teil vieler Religionen und möglicherweise so alt wie die menschliche Kultur. Was man heute als Spiritismus (englisch „Spiritualism“) bezeichnet, begann aber erst im Jahr 1848 in den USA: Im Haus der Familie Fox in Hydesville, Bundesstaat New York, waren Klopfgeräusche zu hören. Die beiden Töchter Kate und Maggie kommunizierten mit Hilfe dieser Geräusche mit dem Jenseits und wurden damit rasch berühmt. Es folgten zahlreiche öffentliche Auftritte. 1871 reiste Kate nach England, wo der Spiritismus bereits zuvor durch amerikanische Medien bekannt gemacht worden war. Im Jahr 1888 gestand Maggie jedoch, dass die Geräusche von den Schwestern selbst produziert worden waren. Wollen Sie wissen wie? Das steht im ersten Kapitel des Buches „A Magician among the Spirits“ (1924) des legendären Zauberkünstlers Harry Houdini. Houdini entlarvte übrigens jedes spiritistische Medium, das ihm begegnet ist.

Was den Spiritismus des 19. Jahrhunderts von früheren Geisterbeschwörungen, Jenseitsvisionen und Spukphänomenen unterschied, war erstens die Tatsache, dass er sich zu einem Massenphänomen entwickelte, vor allem in den USA und Großbritannien. Dort gibt es auch heute noch spiritistische Organisationen, von denen sich manche sogar als „Kirche“ (church) bezeichnen. Zur Verbreitung des Spiritismus trugen unter anderem auch neue Technologien bei, wie die Photographie, die sich hervorragend für Fälschungen eignete, z.B. durch Doppelbelichtungen.

Zweitens stand der Spiritismus von Anfang an unter wissenschaftlicher Beobachtung. Nicht wenige Naturwissenschaftler und Mediziner nahmen an spiritistischen Vorführungen teil und konnten keinen Betrug feststellen. Ihre positive Beurteilung trug natürlich zur Popularität des Spiritismus bei. Allerdings gab es auch von Anfang an Kritik. Bekannt sind die Tests, durch die der englische Physiker Michael Faraday 1853 nachwies, dass der Tisch beim „Tischrücken“ durch die Muskeln der Teilnehmer bewegt wird. Immer wieder wurden spiritistische Medien beim Schwindeln ertappt. Um ein eher unappetitliches Beispiel zu nennen: Es gab weibliche Medien, die feine Tücher in der Vagina oder im Anus versteckten, die unter der spärlichen Beleuchtung der spiritistischen Sitzung als „Ektoplasma“ hervorgeholt wurden. Freilich waren nicht alle Medien Betrüger. Manche waren in der Lage, sich in Zustände der „Trance“ oder „Besessenheit“ zu versetzen, die heute als „dissoziative Zustände“ bezeichnet werden. Sie glaubten selbst an die Präsenz der Geister, selbst wenn es sich bei diesen Geistern manchmal um historische Personen handelte, die nicht existiert haben konnten, oder gar um Marsbewohner.

Solche Fälle trugen dazu bei, dass der Spiritismus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts schließlich seine Glaubwürdigkeit mehr oder weniger verloren hatte. Mit photographischen Doppelbelichtungen konnte man nur noch schwer beeindrucken. Die Psychologie identifizierte die psychischen Störungen, unter denen manche Medien litten, und beschäftigte sich mit Techniken der Hypnose und Selbsthypnose. Und nicht zuletzt wurden die Praktiken der Spiritisten nicht mehr nur von Wissenschaftlern und anderen für geeignet befundenen Berufsgruppen überprüft, sondern auch von professionellen Zauberkünstlern wie dem vorhin erwähnten Houdini.

Wie jeder weiß, sind auch kluge Menschen meist nicht in der Lage, Zaubertricks zu durchschauen. Es wäre daher ein großer Irrtum zu glauben, dass sich nur dumme Menschen von spiritistischen Medien überzeugen lassen. Im Gegenteil, unter den Gläubigen befinden sich auch Wissenschaftler, Juristen, Psychotherapeuten, Politiker, Theologen und viele andere Menschen, die im Denken erfahren sind. Etwas bessere Karten haben Psychologen, die über Wahrnehmungstäuschungen und Manipulationstechniken Bescheid wissen. Aber nur Zauberkünstler sind wirklich geschult darin, zu erkennen, was ihre Kollegen treiben.

Das ist auch der Grund, warum sich der berühmte „Löffelbieger“ Uri Geller weigerte, seine Fähigkeiten zu demonstrieren, wenn sich ein professioneller Magier im Publikum befand. Im Jahr 1973 hatte nämlich James Randi (www.randi.org) unerkannt an einer seiner Vorführungen teilgenommen und festgestellt, dass Gellers Tricks ziemlich schlecht seien, worauf Geller mit zahlreichen erfolglosen Klagen reagierte. Randi widmet sich bis heute der Erklärung und Entlarvung des angeblich Paranormalen und zeigte immer wieder, wie leicht sich das Publikum und sogar Parapsychologen hereinlegen lassen. Manche werden vielleicht wissen, dass der kürzlich verstorbene Jack Houck (www.jackhouck.com) seit den 1980er Jahren sogenannte „PK-Parties“ veranstaltet hat. In einer emotional aufgeladenen Atmosphäre übten sich dabei zahlreiche Menschen, darunter viele Kinder, im Löffelbiegen (Houck selbst bezeichnete dies auch als „warm forming“). Nur wenige „skeptische“ oder „analytische“ Personen durften daran teilnehmen, weil diese keinen Erfolg hatten und die anderen angeblich durch ihr Zusehen störten.

In der Zeit, in der sich Geller und Houck dem Löffelbiegen widmeten, fiel die Kunst des Jenseitskontaktes in die Hände von Leuten, die keine Hilfsmittel (Tische, Tonbandgeräte, Ektoplasma usw.) mehr benötigten, um mit den Toten Kontakt aufzunehmen. Gemeint ist das „Channeling“, das Geistersehen und/oder -hören in einem kleinen Kreis von Teilnehmern oder vor großem Publikum. Auf Englisch wird eine solche Person als „Psychic Medium“ oder einfach kurz als „Psychic“ bezeichnet. Im deutschen Sprachraum wird oft nur das Wort „Medium“ verwendet. Medien sollten übrigens nicht mit „Mentalisten“ verwechselt werden. Mentalisten verwenden in ihren Bühnen- oder Fernsehshows zwar ähnliche Tricks, geben aber nicht vor übernatürliche Kräfte zu besitzen oder wirklich im Kontakt mit dem Jenseits zu stehen. Kurz gesagt, bei Mentalisten weiß man, dass es nur Show ist.

Am 6. April 2013 hatte ich Gelegenheit, einem solchen „Psychic“ bei der Arbeit zuzusehen. Paul Meek, in Wales geboren und seit längerer Zeit in Deutschland lebend, hielt am Nachmittag im Gemeindesaal eines Dorfes einen Vortrag. Anschließend folgte nach einer längeren Pause ein zweistündiger „medialer Abend“, bei dem Meek mit verstorbenen Angehörigen und Bekannten der im Publikum Anwesenden Kontakt aufnahm und Botschaften überbrachte.

Was meine Frau und ich zu sehen und zu hören bekamen, war eine Vorführung wie aus dem Lehrbuch. Wollen Sie es auch erlernen? Nur zu. Ich empfehle Ihnen die Lektüre von „The Full Facts Book of Cold Reading“ von Ian Rowland. „Cold Reading“ („kalte Deutung“) ist nämlich der Sammelbegriff, unter den die meisten von Meek angewandten Techniken fallen. Cold Reading ist die Kunst, durch geschickte Gesprächsführung und Beobachtung der Gesprächspartner Informationen über diese zu gewinnen und so den Eindruck zu erwecken, dass man über „paranormale“ Informationsquellen verfügt, also z.B. mit Geistern sprechen kann. Medien und Mentalisten wenden diese Techniken systematisch zu beruflichen Zwecken an, aber wir alle machen Ähnliches, wenn wir aus der Erscheinung und den Reaktionen anderer Leute unsere Schlüsse ziehen, was häufig unbewusst geschieht. Im Buch von Rowland werden diese Techniken genau geschildert. Es sind recht viele, daher kann ich hier nicht auf alle eingehen.

Ich möchte mich mit vier Tipps begnügen, die Ihnen dabei helfen sollen, Ihre Karriere als Medium zu starten: 

1. Beginnen Sie mit allgemeinen Aussagen, die auf viele Leute im Publikum passen. Wenn Sie Geister sehen, dann sollten die Aussagen natürlich auf viele Verstorbene passen. In diesem Fall bieten sich allgemeine Aussagen über Gesundheitsprobleme und Todesursachen an. Diese allgemeinen Aussagen können Sie anschließend etwas präzisieren, nachdem Sie die ersten Rückmeldungen von Leuten erhalten haben, die sich betroffen fühlen.

2. Damit sind wir schon beim zweiten Tipp: Sorgen Sie dafür, dass Sie auch sofort Reaktionen erhalten. Meek meinte beispielsweise, er müsse die Stimmen der Personen im Saal hören, um die Verstorbenen der richtigen Person zuordnen zu können. Die meisten Reaktionen werden aus einem schlichten „Ja“ bestehen, was Ihnen mitteilen wird, dass sich jemand betroffen fühlt und Sie sich auf dem richtigen Weg befinden. Schweigen oder gar ein „Nein“ sollten Sie hingegen dazu veranlassen, Ihre Strategie zu ändern. Auch Mimik und Körpersprache werden Antworten auf Ihre versteckten Fragen enthalten.

3. Sprechen Sie sehr schnell. Das hat den Vorteil, dass das Publikum unpassende Aussagen und Irrtümer überhören oder rasch vergessen wird. Da das Publikum zum Großteil aus Leuten besteht, die Ihnen grundsätzlich glauben wollen, werden hingegen die richtigen Aussagen hängenbleiben. Selektive Wahrnehmung nennt man das bekanntlich.

4. Und schließlich: Werden Sie bei einem Irrtum ertappt, so deuten Sie das, was Sie soeben gesagt haben, so um, dass es wieder einigermaßen passt. (Gelegentlich können Sie auch zugeben, dass Sie sich geirrt haben, aber bitte nicht zu oft, denn dies würde Ihre Glaubwürdigkeit untergraben.) In dem ersten Bericht über Meeks medialen Abend wurde schon ein Beispiel erwähnt: Meek war der Meinung, er würde über ein Mädchen sprechen, das im Alter von vier Jahren verstorben ist. Als sich herausstellte, dass das Mädchen vor vier Jahren gestorben war, und zwar vor der Geburt, behauptete er einfach, das Mädchen würde ihm heute als Vierjährige erscheinen.

Rowland beschreibt insgesamt 11 Methoden, mit denen sich das Medium aus der Affäre ziehen kann, wenn es sich geirrt hat. Der gerade erwähnte Fall fällt übrigens unter Methode 9: Geben Sie zu, dass Sie faktisch falsch lagen (das Mädchen starb nicht als Vierjährige), aber innerhalb Ihres Glaubenssystems lagen Sie richtig (ein vor der Geburt verstorbenes Mädchen kann Ihnen als Vierjährige erscheinen).

Terence Hines gibt in seinem Buch „Pseudoscience and the Paranormal“ einen Dialog aus einer Fernsehsendung der BBC wieder, in der das englische Medium Doris Stokes auftrat. Stokes fragte zunächst, ob jemand im Publikum, das aus mehreren hundert Personen bestand, einen „kleinen Daniel“ („little Daniel“) kenne. Eine junge Frau meldete sich. Stokes fragte weiter, ob Daniel „zurück ins Krankenhaus“ musste, was die Frau bejahte. Darauf sagte Stokes, dass es Daniel nun wieder gut gehe („he’s all right now“). Die Frau erwiderte jedoch, dass es ihm vielleicht im Jenseits gut gehe, dass sie Daniel aber tatsächlich „verloren“ hätten. Stokes meinte darauf, genau dies würden die Geister auch sagen. Etwas später behauptete sie, dass der kleine Daniel gerne seiner Mutter Blumen schenken würde, in der Annahme, dass die junge Frau Daniels Mutter sei. Aber diese antwortete, sie sei nicht die Mutter. „Nein“, sagte darauf Stokes, „aber Sie kennen seine Mutter“ – was die Frau bestätigte. Und natürlich deutete Stokes ihre vorige Aussage nun so, dass der kleine Daniel seiner abwesenden Mutter Blumen schenken wolle. Jedem, der Paul Meek zugehört hat, werden die Ähnlichkeiten auffallen.

Die 1987 verstorbene Stokes musste sich aber nicht nur auf ihre Fähigkeiten im Cold Reading verlassen. Sie sorgte unter anderem auch dafür, dass im Publikum Leute waren, über die sie bereits wichtige Informationen besaß. Damit verlassen wir den eher harmlosen Bereich des Cold Reading und kommen zum sogenannten „Hot Reading“. Als Hot Reading wird das vorherige Sammeln von Informationen bezeichnet, die das Medium später als übersinnliches Wissen präsentieren kann. Diese Informationen bekommt das Medium im einfachsten Fall durch ein Gespräch mit dem Klienten oder dem Publikum. Oft sind daran „Assistenten“ beteiligt. Es kommt auch vor, dass der Lebenshintergrund des Klienten ausspioniert wird, wobei man sich manchmal sogar Zutritt zu dessen Wohnung verschafft. Solche Methoden eignen sich natürlich vor allem zur Vorbereitung von spiritistischen Einzelsitzungen oder von „Seminaren“ im kleinen Kreis.

Paul Meek praktiziert Hot Reading auf offener Bühne, als Teil seines Programms. Unmittelbar nach dem einstündigen Vortrag kam nämlich ein halbstündiger Teil, in dem sich das Publikum mit Fragen an ihn wenden konnte. Viele gaben dabei Informationen über sich selbst, ihr Leben und verstorbene Angehörige preis. Es ist nicht verwunderlich, dass die meisten Leute, die sich hier zu Wort gemeldet hatten, zwei Stunden später während des „medialen Abends“ angesprochen wurden. Das Medium wusste ja bereits, was es im Jenseits „wahrnehmen“ musste, um zu ihnen eine Verbindung herzustellen. Nicht vergessen darf man auch, dass das Medium zu Beginn der Veranstaltung unter den Leuten an einem Tisch saß, wo es seine Bücher verkaufte und signierte. Dabei bekam es wohl ebenfalls manches zu hören, was ihm später nützlich war.

Ob ein spiritistisches Medium sein Publikum absichtlich täuscht und ob auch Methoden des Hot Reading zum Einsatz kommen, die über das bloße „Aushorchen“ hinausgehen, lässt sich aus der Ferne natürlich schwer beurteilen. Aber ich möchte noch einmal betonen, dass nicht alle spiritistischen Medien bewusst mit fragwürdigen Mitteln arbeiten. Einer der interessantesten psychologischen Aspekte des Spiritismus besteht nämlich darin, dass sich ein Medium selbst etwas vormachen kann. Es gibt Medien, die ihren Klienten Gutes tun wollen und ehrlich davon überzeugt sind, übersinnliche Fähigkeiten zu besitzen. Sie verlangen vielleicht für ihre Dienste gar keine finanziellen Gegenleistungen und machen auch keine großen Umsätze mit Bühnenshows und Buchverkäufen.

Morris Lamar Keene, der zwischen 1958 und 1971 finanziell sehr erfolgreich als Medium gearbeitet hat, berichtet, dass er und seine Kollegen unter anderem zwischen Medien mit „offenen Augen“ und solchen mit „geschlossenen Augen“ unterschieden. Die mit „offenen Augen“ wissen, dass sie betrügen, und sprechen darüber auch mit anderen betrügerischen Medien. Die mit „geschlossenen Augen“ hingegen glauben selbst daran, übernatürliche Fähigkeiten zu besitzen. Sie werden von jenen aus der ersten Gruppe zwar nicht in alle Geheimnisse des Faches eingeweiht, aber sie werden von ihnen geschätzt, weil sie enorm wichtig für die Glaubwürdigkeit des Gewerbes sind. Schließlich ist niemand überzeugender als ein freundlicher Staubsaugervertreter, der auch noch selbst an die Qualität seines Staubsaugers glaubt.

 

Literatur:

Terence Hines: Pseudoscience and the Paranormal, Amherst 2003

Harry Houdini: A Magician among the Spirits, New York 1924

M. Lamar Keene: The Psychic Mafia, New York 1976

James Randi: Flim-Flam! Psychics, ESP, Unicorns, and Other Delusions, Amherst 1982

Ian Rowland: The Full Facts Book of Cold Reading, London 2002

Michael Shermer: The Skeptic Encyclopedia of Pseudoscience, Santa Barbara 2002

 

Dr. Peter Kügler ist Professor am Institut für Philosophie der Universität Innsbruck mit Forschungsschwerpunkten in der Metaphysik, Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie sowie Religionsphilosophie.