Organspende: So tot wie möglich und so lebendig wie nötig

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Foto: Gnther Richter/pixelio.de

„Wie bringt man Menschen dazu, Organe zu spenden? An Ideen mangelt es den Briten dazu nicht: Im Januar stellten sie ein neues Konzept vor, wonach Führerscheinneulinge beim Antrag gleich gefragt werden sollen, ob sie zu einer Organspende bereit sind. Jetzt sorgt ein weiterer Vorschlag des Nuffield Council erneut für Diskussionen: Der nationale Gesundheitsdienst solle, so die Idee der britischen Organisation zur Erörterung bioethischer Fragen, die Kosten für Bestattungen übernehmen“, berichtet der Online-Spiegel.

Die Bestattungskosten werden aber nur für Spender übernommen, welchen post mortem – also nach ihrem „Hirntod“ – Organe entnommen werden. Wer zu Lebzeiten ein Organ spendet, soll seine Beisetzung später selbst bezahlen.

John Harris, Bioethik-Professor an der Universität Manchester, findet das Bestattungsangebot für die postmortale Organspende „makaber“. Seiner Ansicht nach würden sich mehr Menschen zur Organspende bereit erklären, wenn man ihnen mehr direkte Anreize – Bargeld etwa – bieten würde: „Wir sollten uns nicht zu sehr an die Idee klammern, dass Altruismus und Belohnung einander zwangsläufig ausschließen. Es ist nicht falsch zu versuchen, die Menschen dahingehend zu beeinflussen, dass sie etwas Gutes tun. “

 

Um was geht es also in der Diskussion?

In erster Linie geht es um zwei Fragen, die ethisch weit weniger relevant sind als das grundsätzliche ethische Problem bei der Organspende selbst:

1.    Ist die Entscheidungslösung makaber oder gar unmoralisch?

2.    Ist die Belohnung durch Bargeld oder die Übernahme der Bestattungskosten makaber oder gar unmoralisch?

Auch in Deutschland wird die sogenannte „Entscheidungslösung“ diskutiert, wonach alle Bürger wenigstens einmal im Leben – zum Beispiel vor der Ausgabe der elektronischen Gesundheitskarte – gefragt werden, ob sie spenden möchten. Das wäre eine gute Einführung!

Solange potenzielle Spender – also im Grunde wir alle – ausführlich über die Organentnahmen und die geltenden Gesetze informiert und aufgeklärt werden und uns nach reiflicher Überlegung frei für oder gegen eine etwaige Spende aussprechen können, ist daran nichts makaber und eine etwaige Kostenübernahme schon gar nicht.

Einen Anreiz für Organspende zu geben, ist nicht unethisch, schließlich stehen wir vor dem Problem, dass es viel zu wenig Organspenden gibt und deshalb jährlich viele Menschen sterben müssen. Dass Universitäten die Kosten für die Bestattung übernehmen, wenn Spender ihren Körper nach dem Tod für wissenschaftliche Zwecke bereitstellen, ist gang und gäbe. Und genau an dieser Vorgehensweise orientiert sich eben auch der britische bioethische Rat.

Makaber ist vielmehr, dass der Informationsstand zum Thema Organspende in der Bevölkerung allgemein sehr niedrig bis gar nicht vorhanden ist. Ethisch „nicht sauber“ ist, dass es den zuständigen Stellen kein großes Anliegen zu sein scheint, den Informationsstand der Bevölkerung zu verbessern.

Fünf rechtliche Modelle regeln weltweit die Organspende: Die Widerspruchsregelung, die erweiterte Widerspruchslösung, die Zustimmungslösung, die erweiterte Zustimmungslösung und die Entscheidungslösung. Diese Regelungen treten dann in Kraft, wenn der Spender vor seinem Tod nicht aus eigenem Willen seine Bereitschaft bekundet hat, ein Organ spenden zu wollen. Die Regelungen werden momentan nicht einheitlich durchgesetzt, jeder Staat trifft seine eigenen Entscheidungen.

Der Großteil der Österreicher ist nach wie vor der Meinung, er sei kein Organspender, wenn er keinen Organspende-Ausweis besitze, in dem ausdrücklich die Bereitschaft zur Organspende dokumentiert ist. In Österreich gilt aber die Widerspruchsregelung: Sie bestimmt, dass jeder Mensch, der auf österreichischem Boden verstirbt,  automatisch Organspender ist, es sei denn, er hat sich zu Lebzeiten ins zentrale Widerspruchsregister eingetragen.

Wenn ich das als österreichischer Staatsbürger weiß, dann weiß ich auch, wie ich mich zu verhalten habe, wenn ich keine Organe spenden will. Nur wissen das viele eben nicht und fühlen sich „sicher“. Streng genommen sind  auch ausländische Staatsbürger, welche auf der Durchreise oder im Urlaub in Österreich versterben, Organspender. Um das auszuschließen, müsste sich auch ein Durchreisender oder Urlauber aus dem Ausland ins österreichische Widerspruchsregister eintragen lassen, bevor er österreichischen Boden betritt. Aber welcher Nicht-Österreicher weiß das schon?

Weit verbreitet ist auch die „beinahe romantische“ Meinung, bei der Organspende handle es sich lediglich um Herz, Leber und Nieren: Da werden Bauch- bzw. Brustraum eröffnet, die Organe entnommen und dann werde alles wieder schön verschlossen. Angekleidet sehe man den Eingriff dann beim Verstorbenen nicht, meinen die meisten. Aber so ist es eben nicht: Von hirntoten Menschen können Organe und Gewebe transplantiert werden und zwar Bauchspeicheldrüse, Blutgefäße, Darm, Gehörknöchelchen, Haut, Herz, Herzklappen, Hornhaut der Augen, Knochengewebe, Knorpelgewebe, Leber, Lunge, Niere, Sehnen und Teile der Hirnhaut. Das heißt unter Umständen, dass der Verstorbene nach einer Entnahme nicht mehr friedlich anzusehen ist.

Organspende ist grundsätzlich ethisch problematisch: Galt früher der Herztod als Todeszeitpunkt, verlegte die Transplantationsmedizin den Zeitpunkt der Todesfeststellung nach vorn, denn um Organe weiterverwenden zu können, muss der Mensch so tot wie möglich und so lebendig wie nötig sein, um es vereinfacht auszudrücken.  Der Hirntod muss bei einem Organspender zwar von zwei voneinander unabhängigen Ärzten, die nicht zum Entnahme- oder Transplant-Team gehören, diagnostiziert werden. Der Hirntod ist aber ein von der Medizin künstlich definierter Zustand, bei dem sicher ist, dass der Ausfall der Hirnfunktionen irreversibel ist. Der restliche Körper wird künstlich am Leben gehalten. Wer hirntot ist, kann also selbstständig nicht mehr leben, aber Kreislauf und Atmung können maschinell weiter aufrecht erhalten werden.

Und da beginnt das ethische Problem: Wenn ich durch Maschinen jemanden, der keine Hirnfunktionen mehr aufweist, kreislauf- und atmungsstabil halten kann, ist der dann wirklich tot? Die Transplantationsmedizin ist widersprüchlich, schreibt Elmar Waibl, Ethik-Professor vom Institut für Philosophie an der Universiät Innsbruck: „Weil nur lebende Organe einem anderen Menschen zum Weiterleben verhelfen zu können, darf der Organspender nicht ganz tot sein. Er muß aber soweit tot sein, daß ihm – rechtlich gesehen – Organe entnommen werden dürfen, weil ansonsten die Organentnahme vorsätzliche Tötung (d.h. Mord) wäre.“

Organentnahmen finden außerdem durch eine Operation unter Narkose statt, d.h. der Organspender bekommt Schmerzmittel und Sedativa. Narkose wird eingesetzt, weil Organspender ohne diese bei der Entnahme von Organen Stressreaktionen zeigen. Das will man verhindern, weil wir letztlich nicht hundertprozentig wissen, wie empfindungsfähig wir am Ende sind, auch wenn wir schon „hirntot“ sind.  Neben dem „toten Gehirn“, gibt es nämlich noch den übrigen Körper mit seinen lebendigen Organen und wir haben Rezeptoren im Rückenmark, die bei stabilem Kreislauf nach dem Hirntod in ihrer Funktion noch nicht beeinträchtigt sind, und die können zu Spontanbewegungen und zum Anstieg von Blutdruck und Herzfrequenz führen. Deshalb wird der Organspender relaxiert und ein Blutdruck- und Herzfrequenzanstieg wird mit entsprechenden Medikamenten behandelt.

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Screenshot von www.goeg.at: Widerspruchsformular

Und wer das alles weiß und bedenkt, überlegt es sich dann doch nochmal, ob er sich oder seine Kinder nicht doch ins Österreichische Widerspruchsregister eintragen lässt.

In Deutschland gilt derzeit die erweiterte Zustimmungslösung: Man kann die Zustimmung zur Organspende zu Lebzeiten in einem Organspende-Ausweis bekunden. Liegt bei einem Verstorbenen keine dokumentierte Einwilligung zur Organspende vor, dann müssen die Angehörigen nach dem mutmaßlichen Willen des Verstorbenen entscheiden.

Die Zustimmungslösung ist enger gefasst, hier muss sich der Spender zu Lebzeiten bereit erklärt haben. Es ist also eine ausdrückliche Willenserklärung nötig, die Angehörigen haben post mortem nichts mehr zu entscheiden.

Ethisch oder unethisch sind genau genommen nicht die unterschiedlichen Modelle, welche die Organspende regeln. Ethisch problematisch ist, wenn potenzielle Organspender nicht genau über mögliche Eingriffe bei der Organspende informiert werden, weil sie sich sonst anders entscheiden könnten.

Die Entscheidungslösung und die Zustimmungslösung sind allerdings in ethischer Hinsicht besser, weil sie den Menschen zumindest einmal im Leben die Chance geben, sich genau zu informieren und selbst zu entscheiden. Der Widerspruchslösung haftet der Geruch an, dass mit dem Unwissen bzw. der Uninformiertheit auf mehr Organe spekuliert wird.

Link zu den Downloads des Österreichischen Widerspruchsregisters:

http://www.goeg.at/de/Widerspruchsregister

 

Quellen:

Elmar Waibl: Grundriß der Medizinethik für Ärzte, Pflegeberufe und Laien. LIT-Verlag 2004

www.spiegel.de

www.net-tribune.de

www.wikipedia.org