Wut ist die Schwester der Trauer

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Foto by Rainer Sturm www.pixelio.de
Maki hat ihre Tochter Abi durch einen Unfall verloren. Abi starb nachdem ein LKW-Fahrer sie angefahren hatte. Im Trauer-Forum schreibt Maki über ihre Wut:

„Ich hab ne Frage, die mich schon einige Zeit beschäftigt, keine Ruhe lässt, ich es aber nie wagte darüber nachzudenken, geschweige denn, es auszusprechen, aber ich schreibe es mal, vielleicht kennt es jemand von euch????
Ich spüre „Wut“, kann es aber nicht herauskristallisieren, ob die Wut in Richtung Abi (verzeih mir) geht oder ob es Gott (verzeih mir) ist!!! Wie gesagt, ich trau mich ned amal darüber nachzudenken, aber irgendwas ist da!!!

Wie geht es euch damit???? Oder bin ich die einzige?“

Maki ist verunsichert, fühlt sich schuldig. Ela, deren Vater gestorben ist, antwortet:

„Oh Maki, da bist du auf Garantie nicht alleine. Ich bin ein Pulverfass. Natürlich fahren auch bei mir die Gefühle Achterbahn. Aber das, was ich am wenigsten einigermaßen unter Kontrolle halten kann ist die Wut. Ich bin wie eine tickende Zeitbombe.
Ich ticke die ganze Zeit.
Und es benötigt nur ein komisches Wort und ich ticke aus.
Ich bin dann nicht auf 180, sondern eher auf 3750 oder so. Ich sag nur Supernova. Peinlich, aber wahr.

Ich denke, es ist ganz normal, dass du wütend bist. Sicherlich „schämt“ man sich in gewisser Weise manchmal, dass man
1. soooooooooo wütend ist
2. auf gewisse Menschen wütend ist
3. auf den verlorenen Menschen wütend ist
4. auf Gott wütend ist

Ich denke, dass es ein Ventil ist. So wie das Weinen ein Ventil für den Körper ist, diese Emotionen herauszuschwemmen, so ist die Wut ein Ventil, um den Druck abzulassen. Wie ein Teekessel. Der würde wohl sonst in die Luft gehen.
Wir sind wie kleine Kinder, denen man etwas wegnimmt.
Wir können uns nicht wehren, wir können es nicht verstehen und wir können es nicht ändern. Das erklärt vielleicht auch die Reaktionen, welche oft auch mit dieser Altersstufe einhergehen und die wir dann in solchen Momenten an den Tag legen: Trotz – Trauer – Wut.
Wir müssen doch irgendwie damit leben. Und der Schmerz richtet uns auf Dauer zugrunde. Daher muss er auf welche Art und Weise auch immer irgendwie raus.“

Wut wird im Rahmen der Trauer viel mehr tabuisiert als das, was man gemeinhin unter „Trauer“ versteht. Ela bringt die Sache auf den Punkt: Wenn uns etwas genommen wird oder wenn jemand uns verlässt, dann reagieren wir mit Trauer, aber eben auch mit Aggression, mit Wut und Zorn.

Wut und Trauer gehören zusammen, sie sind Schwestern. Die Trauer ist dabei die passivere der beiden, sie will, dass man sich zurückzieht und den Verlust wahrnimmt, den Schmerz spürt und zulässt. Die Wut ist die aktive der beiden Schwestern, sie ist diejenige, die uns zeigt, dass etwas Wichtiges fehlt, die uns aber Energie gibt, antreibt und weiterkämpfen lässt. Wichtig ist, dass man beiden einen Platz gibt, denn sie haben beide ihre Berechtigung, die letztlich zur Bewältigung und Neuorientierung führen.

Wie kann man seine Wut bearbeiten?

Bedenklich oder „unethisch“ ist lediglich das Kippen von Aggressionen in Gewalt. Aggressionen selbst sind nichts Böses oder Unmoralisches. Im Gegenteil: Sie sind angeboren psychische Kräfte und haben die wichtige Funktion, uns darüber zu informieren, dass ein Bedürfnis frustriert wird. Wir werden beispielsweise aggressiv, wenn wir Hunger haben. Die Aggression treibt uns an, etwas gegen den Hunger zu tun.

Aggressionen sind also lebenswichtig. Wir reagieren aggressiv

  • wenn wir etwas tun müssen, was wir nicht tun wollen,
  • wenn wir etwas nicht bekommen, was wir haben wollen,
  • wenn uns etwas genommen wird,
  • wenn wir etwas verlieren,
  • und wenn etwas kaputt geht.

All das macht uns unzufrieden, unglücklich, frustriert, aggressiv und natürlich auch traurig.

Aggression ist also eine Information darüber, dass wir etwas tun sollen, damit es uns besser geht. Sie treibt uns an. Daher ist es der falsche Weg, sich Aggressionen zu verbieten. Gesünder ist es, sich aggressive Gefühle wie Wut, Zorn und Hass bewusst zu machen und zu fragen: „Was frustriert mich gerade und was kann ich tun, dass es mir besser geht?“ Sobald sich meine Bedürfnislage verbessert, wird auch die Aggression verschwinden und das Kippen von Aggression in Gewalt wird verhindert.

Im Trauerfall lässt sich der Grund der Frustration meist nicht so einfach beheben, denn der Wunsch ist ja, den Verstorbenen wieder lebendig zu machen – und das geht nicht. Wut in der Trauer muss aber dennoch bearbeitet werden. Folgende Fragen und Strategien können helfen:

1. Spüre ich Wut, Zorn, Aggressionen? Mach dir Wut, Zorn, Hass und Aggressionen bewusst und lasse sie zu. Hab keine Schuldgefühle, denn das Zulassen von Wut gehört auch mit zur Trauer dazu! Halte dir vor Augen, dass die Wut wichtig ist, weil sie dir Kraft und Ansporn gibt, deine Arbeit aktiv voranzutreiben.

2. Gegen wen richtet sich diese Wut? Schreib demjenigen einen entrüsteten Brief. Das kann der Verstorbene sein, der Verursacher des Unfalls oder auch der liebe Gott.

Das fällt oft schwer, aber du kannst den Brief damit abschließen, indem du dem Verstorbenen erklärst, dass du wütend bist, weil du ihn ja liebst. Wäre der Verstorbene dir nämlich egal, wäre da keine Trauer, aber auch keine Wut.

Gott kannst du um Verständnis bitten. Du kannst ihm danken für die gemeinsame Zeit, die du mit dem Verstorbenen haben durftest, du kannst ihm aber auch sagen, dass du eine enorme Wut hast, dass er dir genommen wurde. Wenn der liebe Gott das nicht aushält, wer dann?

Und dem Unfallverursacher kannst du sagen: Ich weiß, dass du das nicht wolltest und dich jetzt schuldig fühlst. Dein Leben hat sich auch geändert, ich muss das jetzt aber loswerden, dass meine Wut auf dich kein Hass wird. Meine Wut richtet sich eigentlich gar nicht gegen dich als Person, sondern gegen das, was passiert ist.  Und das war einfach nur ein großes Unglück.

3. Warum habe ich Wut, was will sie mir genau sagen? Gibt es irgendetwas, das du tun kannst, dass es dir besser geht? Du kannst den Verstorbenen zwar nicht wieder lebendig machen, aber vielleicht tust du ja in deiner Trauer etwas, was dir gegen den Strich geht? Vielleicht gibst du dir zu wenig Erholungsphasen – das erschöpft und frustriert? Vielleicht achtest du zu viel darauf, was andere von dir erwarten und zu wenig auf dich selbst und deine wahren Bedürfnisse?

4. Wie kann ich Wut zum Ausdruck bringen?Sprich offen drüber, denn das hilft, Aggressionen abzubauen. Sehr hilfreich ist der körperliche Ausdruck durch Aktivität. Dadurch wird ein Ventil geöffnet und es kann „Dampf abgelassen“ werden. Boxen oder andere kämpferische Sportarten werden hier mitunter als Therapie empfohlen. Aber auch Trommeln, Stampfen, Schreien … und alles was „Laut-Sein“ provoziert, kann ein Ventil sein.

MUT zur WUT!

Aber: HALT zur GEWALT!