Sind Leichen giftig?

krank by simbano pixelio

images/stories/News/hygiene schutzbekleidung.jpgNein, Leichen sind natürlich nicht “giftig”. Ein “gesunder” Verstorbener ist so giftig, wie ein “gesundes” totes Huhn. Es gibt kein Leichengift. Es entstehen durch den Fäulnisprozess zwar Toxine als Abbauprodukte von Eiweißen (so genannte Alkaloide), ein Kontakt durch Berührung mit diesen Alkaloiden ist allerdings ungefährlich und eine schädliche Wirkung durch Hautkontakt oder Einatmung von “Leichengift” ist daher ausgeschlossen. Lediglich der Verzehr bzw. orale Schmierinfektionen oder Infektionen durch Schnittverletzungen können zu Erkrankungen führen, die allerdings nicht durch Leichengift, sondern durch Bakterientoxine, Alkaloide und mikrobielle Infektionen verursacht werden können.

Der Leichengift-Mythos
Dennoch gilt der Leichnam in vielen Kulturen sofort nach Eintritt des Todes als “unrein” und gefährlich. Im europäischen Raum ist die weltweit verbreitete Idee vom Leichengift vor allem durch zwei pseudo-wissenschaftliche Theorien des 18. Jh. bekräftigt worden:

Die Fäulnistheorie
Von der Antike bis ins 19. Jahrhundert hat man Gerüche – vor allem Fäulnis- und Verwesungsgerüche – für das Entstehen von Krankheiten verantwortlich gemacht. Erst durch die Erfindung des Mikroskops und die Entwicklung der Bakteriologie durch Luis Pasteur um 1880 erkannte man Keime als Krankheitserreger. Im 17. Jh. entwickelte Johann Joachim Becher die so genannte “Fäulnistheorie”. Die Fäulnistheorie war eine Geruchsklassifikation, die dem Arzt bei der Diagnose von Krankheiten helfen sollte. Als besonders gefährlich galten der Fäulnistheorie zufolge die Ausdünstungen Frischverstorbener. Wie stark aber Ekel und Angst vor Tod und Verwesung durch den Glauben an die krankmachenden Dämpfe war und wie übertrieben psychosomatisch man darauf reagierte, zeigen die Ereignisse rund um die Öffnung einer halbverwesten Leiche in einem Seziersaal der Medizinischen Fakultät in Paris anlässlich einer Prüfung von vier Studenten: Der erste Kandidat fiel wegen der Ausdünstungen erschrocken gleich zu Beginn in Ohnmacht und verstarb drei Tage später, der zweite reagierte mit einem Hautausschlag. Die beiden anderen trugen ein langwieriges Leiden davon, von dem einer der beiden sich niemals erholen sollte.

Die Theorie der “fixen Luft”
Zusammen mit der Fäulnistheorie verstärkte die Theorie der fixen Luft den Leichengift-Mythos und die Geruchsparanoia der Europäer. Chemiker des 18. Jahrhunderts erklärten sich Verwesung durch die Annahme der “fixen Luft”. Sie fragten sich nicht, warum ein toter Körper verwest, sondern, warum ein lebendiger Körper sich nicht zersetzt. Als Erklärung formulierten sie die Hypothese der fixen Luft: Die fixe Luft “fixiert” den lebenden Körper und verhindert so seinen Zerfall. Nach Eintritt des Todes entweicht die “fixe Luft” und führt zur Zersetzung. Die “fixe Luft” galt natürlich als besonders gefährlich.

Leichengift und Kindbettfieber
Zusätzlich glaubte Ignaz Semmelweis (1818-1865), “der Retter der Mütter”, die Ursache des Kindbettfiebers im “Leichengift” erkannt zu haben, das seines Glaubens Medizinstudenten nach der Leichensektion auf Frauen übertrugen, die im Kindbett lagen. Es war damals noch nicht üblich, sich im Umgang mit Leichen und Patienten die Hände zu waschen, da man ja nicht von abwaschbaren Keimen, sondern von Gerüchen als Krankheitsursache ausging. Als vorbeugend und heilend galten daher nicht Hygiene durch Desinfektion und Händewaschen, sondern Wohlgerüche und Parfums, um den üblen und krankmachenden Gerüchen entgegenzuwirken. Wasser kam wegen seiner Geruchsneutralität zur Reinigung nicht in Frage: Ärzte wuschen sich (wenn überhaupt) mit Parfums und Lotionen, niemals aber regelmäßig nach jedem Leichen- oder Patientenkontakt. Von warmen Bädern riet man dringend ab, weil sich dadurch angeblich die Poren der Haut öffnen und die verdorbene Luft in den Körper eindringen kann. Auch wenn Semmelweis unter Vorraussetzung einer falschen Annahme zu einer für die Hygiene wichtigen Entdeckung kam, haben wir es ihm zu verdanken, dass er das Händewaschen als Maßnahme gegen die Übertragung von Krankheiten im medizinisch-pflegerischen Kontext eingeführt hat. Die Existenz des Leichengiftes und die pseudo-wissenschaftlichen Theorien sind heute natürlich längst widerlegt, dennoch ist die Angst vor dem “Leichengift” immer noch spürbar. So wird die Gefahr, die z.B. bei Naturkatastrophen von einem Massenanfall von Leichen ausgeht, weit überschätzt. Aber auch beim alltäglichen Umgang mit Verstorbenen schützen sich Laien wie Professionisten im Umgang mit dem sterbenden Patienten weniger und treffen nach Eintritt des Todes plötzlich extreme Schutzvorkehrungen: Einer Frau, welche ihren an Hepatitis C erkrankten Sohn bis zu seinem Tod gepflegt hat und dabei immer wieder in Kontakt mit seinen Ausscheidungen kam, wird der Abschied vom verstorbenen Sohn untersagt, weil die Leiche des Sohnes “infektiös” ist. Und eine Altenheim-Betreuerin erzählte unlängst, dass sie, nachdem ihr Pflegefall verstorben war, einen Ganzkörper-Schutz anzog, um ihn in die Kühlung zu verbringen.

Dr. Christine Pernlochner-Kügler

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